Al-Qaida - Texte des Terrors: Weitere Erläuterungen
Lieber Gregor Keuschnig, Ihrem Ansinnen, mich etwas ausführlicher zu äußern, komme ich gerne nach. Ich setze voraus, dass ich von Ihren Beschreibungen 1:1 auf den Buchinhalt rückschließen kann.
Zunächst im Einzelnen:
Text I: zunächst mal etwas Grundsätzlich zum Stilistischen: nach meiner Erfahrung wird im Orient nicht so zwischen „Wahrheit“ und „Legende“ getrennt, wie wir im Westen das erwarten und in gewisser Hinsicht auch verlangen. Legendenbildung ist immer auch ein Stück Wirkungsgeschichte. „Der Menschen vergessen“: da muss man dann das bewerten, was vorliegt, und zwar im Kontext der arabischen Denkweise, um den Menschen dahinter zu erkennen. Links kann ich Ihnen zum Folgenden erst mal nicht liefern, aber es geht mir auch mehr um einen methodischen Hinweis.
Meines Wissens war seine Mutter Anfang der 50er Jahre eine „Miss“ – ich glaube, von Syrien, angeblich auch eine gebürtige Palästinenserin und er selber ist Linkshänder – in Arabien ein mächtiges Symbol. Wenn man nun weiß, dass sich die Rangfolge der Kinder eines Vaters nach dem Rang der jeweiligen Mutter bemisst (s. im Königshaus al-Saud die Sprösslinge der SUDAIRI-Frauen), so leuchtet einem ein, dass Bin Laden in der Hierarchie der Söhne recht weit unten gestanden haben muss. Weit wesentlicher als das, was in dem Buch offensichtlich beschrieben ist, ist für mich, wie er denn zu seiner herausragenden Position in Afghanistan kam: wie bei Pohly/Duran beschrieben, haben die Amerikaner ein internationales Kontingent zusammengestellt, „Leitverband“ (Bw-Jargon) waren die Saudis, Amir sollte eigentlich ein Prinz aus dem Haus al-Saud sein, doch, da von denen keiner wollte, verfiel man auf OBL. Zwar bin ich selber noch nicht in Arabien gewesen (sehr wohl aber in Zentralasien, worauf ich später noch zurückkommen werde), jedoch 20 Jahren Muslima, so dass ich mir zumindest die Bereitschaft zuspreche, mich in muslimisches Denken und Fühlen hineinzuversetzen. Dies scheint mir übrigens in noch ausgeprägterem Maß die Stärke von SUSANNE OSTHOFF zu sein, die ich sehr schätze.
Mir ist jedenfalls berichtet worden, dass man in Saudi-Arabien sehr wohl die Heuchelei der Königsfamilie wahrnimmt. Obwohl mittlerweile ein Liebling der Anti-Islam-Szene, empfehle ich Ihnen den blog des "RELIGIOUS POLICEMAN", aus dem Sie einiges erfahren, was die islamische Welt bewegt, sowie weiter die englischsprachigen Seiten von z. B. ARAB NEWS mit ihren Diskussionsforen – aber auch dazu später noch mehr.
Ich denke nicht, dass die USA mit der Aufrüstung der Mujaheddin in eine „Falle“ getappt sind, sondern ich denke, dass die schon andernorts zitierte Hybris sie dazu gebracht hat, ihre Handlungen hier nicht vom Ende her zu denken. Auch darin sind sie durchaus die Erben Britanniens.
Unmittelbar nach dem Einmarsch war ich übrigens auf einem großen Muslimtreffen in England und hatte die Gelegenheit, AHMED DEEDAT zu lauschen, einem in der englischsprachigen Welt sehr bekannte indisch-südafrikanischen Imam, der es schon damals auf den Punkt brachte (fast wörtlich):
„Wir Muslime sind durch den Einmarsch der Amerikaner ent-eiert ! Unser Eier bekommen wir nur zurück, wenn wir solche Sachen endlich selber in die Hand nehmen.“
Er meinte durchaus, dass die muslimische Welt ihre Entgleisungen selber regulieren muss – eine Auffassung, der ich durchaus auch zuneige. Deedat sagte damals noch so sinngemäß: wenn sie das nicht schafft, hat sie es redlich verdient, dass „Westmächte“ das machen und dann noch auf islamischer Erde. – Worauf er dann dem anschließenden Tumult von seinen Leibwächtern entzogen wurde.
Die beschriebenen Einschätzung von al-Dschazira nebst Klonen teile ich. An Hand der Ausstrahlung eines Videos der Mütter der deutschen Geiseln im Irak habe ich mein Unbehagen hierzu auch schon einmal zum Ausdruck gebracht, wenngleich in etwas speziellerer Form. Hier.
Die These von der „Tribünenfunktion“ teile ich ebenfalls nicht. Wie man meinen Folien entnehmen kann, ist m.E. al-Qaida weder eine „Brigade“, der die nationalen „Bataillone“, noch eine islamische Komintern, die mit einer Stimme spricht. Außerdem gehört zu dieser Auffassung von Islam zwingend, auch „den islamischen Staat“ anzustreben. Wie Sie aus meinen Ausführungen sehen können, ist das angestrebte Vorbild meistens das Gemeinwesen von MEDINA, das als ideales Gesellschaftsmodell empfunden wird. Wie Ahmed Rashid hier:

aus meiner Sicht sehr überzeugend kundtut, zeichnen sie all diese Gruppen dadurch aus, daß sie zwar "den islamischen Staat" wollen, die Theoriebildung jedoch recht dürftig ist. Er schreibt (S.19):
Dies neuen islamischen Fundamentalisten haben gar kein Interesse daran, aus einer korrupten eine gerechtere Gesellschaft zu machen. Sie kümmern sich auch nicht um die Schaffung von Arbeitsplätzen, um Bildungsfragen oder das soziale Wohl ihrer Anhänger... Die neuen Gruppen, die den Dschihad auf ihre Fahnen geschrieben haben, verfügen über kein wirtschaftliches Konzept. Sie haben auch keine Pläne für bessere Regierungen... Sie glauben, dass ehrer der Charakter, die Frömmigkeit und die persönliche Integrität ihren Führer befähigen werden, die Geschicke der neuen Gesellschaft zu lenken, als seine politischen Fähigkeiten, seine Ausbildung oder Lebenserfahrung. So hat sich eine neues Phänomen entwickelt, der Personenkult...
Allfällige Rufe nach der „Ökumene“ halte ich für rein taktischer Natur – dazu ist der Graben zu tief.
Text II: Dass Bin Laden als „Marketingmanager“ fungiert, sehe ich auch so. Genau das hat er ja auch studiert: Betriebswirtschaft und Personalmanagement. Den Bedarf an religiösen Statements muss er ja auch nicht mehr bedienen. Wie ich ja schon ausgeführt habe, bauen aus meiner Sicht die wesentlichen Texte aufeinander auf. Und „Rhetorik der Verteidigung“? – Na klar, macht doch fast jede kriegführende Partei so! Und wer, der einen Krieg rechtfertigt, „formt“ nicht „die Wahrheit, wie sie ihm passt“? Ich sage nur: Massenvernichtungsmittel im Irak...
Ihre Frage aus Ihrem zweiten Teil: „Kann es im übrigen sein...dass sich beide Seiten...immer ähnlicher werden?“ hat ARUNDHATI ROY nach dem 11. September bereits mit einem „Ja“ beantwortet. Dem kann ich mich nur anschließen. Sie schrieb damals:
Wer ist Usama Bin Ladin aber wirklich? Ich möchte es anders formulieren: Was ist Usama Bin Ladin? Er ist das amerikanische Familiengeheimnis. Er ist der dunkle Doppelgänger des amerikanischen Präsidenten. Der brutale Zwilling alles angeblich Schönen und Zivilisierten. Er ist aus der Rippe einer Welt gemacht,die durch die amerikanische Außenpolitik verwüstet wurde, durch ihre Kanonenbootdiplomatie, ihr Atomwaffenarsenal, ihre unbekümmerte Politik derunumschränkten Vorherrschaft, ihre kühle Mißachtung aller nichtamerikanischen Menschenleben, ihre barbarischen Militärinterventionen, ihre Unterstützung fürdespotische und diktatorische Regimes, ihre wirtschaftlichen Bestrebungen, die sich gnadenlos wie ein Heuschreckenschwarm durch die Wirtschaft armer Ländergefressen haben. Ihre marodierenden Multis, die sich die Luft aneignen, die wir einatmen, die Erde, auf der wir stehen, das Wasser, das wir trinken, unsere Gedanken.
Text III: Zu Abdullah Azzam gibt es auf der politischen Ebene eigentlich nicht mehr sehr viel mehr zu sagen, als Sie und ich schon gesagt haben. Um die Stärke von Azzams Anspruch mehr herauszustreichen, als das bislang geschehen ist, auch als religiöser Reformator zu wirken, erlauben Sie mir bitte, noch etwas ausführlicher auf auf die religiösen Pflichten einzugehen. Ich bin sicher, dass die „persönliche Verpflichtung“ im Original „fard ´ain“ hieß. Da später im Text auch von „“Rukn“ = Säule die Rede ist, handle ich das hier jetzt gleich mit ab, denn es ist ja – zu Recht – auch von der Zufügung von noch mehreren Säulen die Rede (dass ich hier nur auf eine weitere komme, ist für das Folgende unerheblich (Quelle: Ahmad A. Reidegeld, Handbuch Islam – die Glaubens- und Rechtslehre der Muslime, aus meiner Sicht ein sehr dogmatisch-konservatives, nichtsdestoweniger höchst empfehlenswertes Buch):
„Rukn = Säule bezeichnet eine Pflicht, die unverzichtbar zum Islam gehört. So sind etwa die fünf ‚Säulen`, al-khamsatu arkan: Das Glaubensbekenntnis, das Gebet, die Armensteuer, das Fasten im Ramadan und die Hajj solche ‚Arkan´. Man muss diese Pflichten erfüllen, und daran glauben, dass sie Pflichten sind. Wer die Dinge, deren Erfüllung ‚Rukn´ ist, ohne Entschuldigung nicht erfüllt und – ohne sein Tun zu bereuen – stirbt. muss damit rechnen, im Jenseits dafür bestraft zu werden. Die Unterlassung eines Rukn...gilt als Kabira... “ (wörtl. große Sünde ~ Todsünde)
Das gleiche gilt dann sinngemäß natürlich für irgendwelche „angeflanschten“ Säulen. Es soll noch angemerkt werden, dass die Säulen in ihrer Wichtigkeit je nach Gelehrten jeweils eine unterschiedliche Reihenfolge haben. Das Gebet gilt allgemein als erste. Azzam nimmt ja seine „sechste Säule“ an die zweite Stelle...
Fard: bedeutet allgemein: absolute Pflicht. Man muss sie erfüllen „und zugleich daran glauben, dass dies wirklich durch Gott und den Propheten befohlen worden ist.“
Fard´ain: „bezeichnet eine Pflicht, die jeder einzelne erfüllen muss und die ihm von keinem anderen abgenommen werden kann.“ Das Nicht-Erfüllen einer Fard´ain ist eine Sünde, aber keine Kabira.
Fard kifaya: Gemeischaftspflicht. Gilt für alle als erfüllt, wenn ein Einzelner sie erfüllt, es kommt bei Nichterfüllung jedoch die Sünde auf alle, die sie hätten erfüllen können...
Das habe ich jetzt so ausführich ausgeführt, damit Sie ermessen können, welchen Druck Azzam mit einer dementsprechenden Terminologie ausübt.
Text IV: Zarqawi gibt aus meiner Sicht nicht mehr viel inhaltlich Neues.
Jetzt zum Resumé: Sie schreiben sehr richtig:
Die Gefahr des Buches beim emotional aufgewühlten Leser könnte darin liegen, daß der Islam insgesamt mit den Protagonisten gleichgesetzt bzw. verwechselt wird.
Ich sage Ihnen, das passiert schon! ich würde nicht sagen, "verwechselt", sondern absichtsvoll gleichgesetzt.
Es wird suggeriert, als sei das der Islam schlechthin. Es kommt noch Weiteres hinzu:

In der Buchbespechung von Bernd Thamm wird mit der Klassifizierung dieses Buches als "mutig" suggeriert, man müsse sich hier in Europa bereits fürchten, muslimische Äußerungen auch nur zu veröffentlichen. Das ist das Wahngebäude von Eurabia der euroarabischen Achse.
Das Buch zum (Wahn-)Film:

Hier die Kritik, die diesem Gebäude mit Recht die Qualität der Protokolle der Weisen von Zion zuweist.
Von webcat72 habe ich gelernt, was eine Schweigespirale ist: hier scheint mir der Begriff auf zu passen: Das System al-Qaida ist nicht der Islam an-und-für-sich, auch wenn manche das so darstellen hier noch mal eine Sammlung.
Von anderen Autoren lesen Sie deswegen nichts, weil sie nicht ins Bild vom bedrohlichen Islam passen. Eine muslimische Freundin von mir:
hier einer ihrer aus meiner Sicht besonders lesenswerten Texte: Was Sagt der Koran zum Judentum
oder hier: zum Thema: können Frauen Imame sein? für sie selber ist die Frage beantwortet: sie ist Imam der größten Moschee Hamburgs.
Wenn Sie den Namen googeln finden Sie noch mehr.

Muhammad Asad (Leopold Weiss) oder:
hier.

Den Link zu Koran und Tafsir (=Auslegung) finden Sie hier.
Aber es sind nicht nur Konvertiten, sondern auch zahllose andere, die von Bin Laden zu unterscheidende Auffassungen vertreten.
Ein für mich besonders herausragendes Beispiel ist

der verstorbene Scheich Ahmed Kuftaro der sich ja auch mit

Papst Johannes Paul II getroffen hat.
Dies jetzt mal fürs erste.
Zunächst im Einzelnen:
Text I: zunächst mal etwas Grundsätzlich zum Stilistischen: nach meiner Erfahrung wird im Orient nicht so zwischen „Wahrheit“ und „Legende“ getrennt, wie wir im Westen das erwarten und in gewisser Hinsicht auch verlangen. Legendenbildung ist immer auch ein Stück Wirkungsgeschichte. „Der Menschen vergessen“: da muss man dann das bewerten, was vorliegt, und zwar im Kontext der arabischen Denkweise, um den Menschen dahinter zu erkennen. Links kann ich Ihnen zum Folgenden erst mal nicht liefern, aber es geht mir auch mehr um einen methodischen Hinweis.
Meines Wissens war seine Mutter Anfang der 50er Jahre eine „Miss“ – ich glaube, von Syrien, angeblich auch eine gebürtige Palästinenserin und er selber ist Linkshänder – in Arabien ein mächtiges Symbol. Wenn man nun weiß, dass sich die Rangfolge der Kinder eines Vaters nach dem Rang der jeweiligen Mutter bemisst (s. im Königshaus al-Saud die Sprösslinge der SUDAIRI-Frauen), so leuchtet einem ein, dass Bin Laden in der Hierarchie der Söhne recht weit unten gestanden haben muss. Weit wesentlicher als das, was in dem Buch offensichtlich beschrieben ist, ist für mich, wie er denn zu seiner herausragenden Position in Afghanistan kam: wie bei Pohly/Duran beschrieben, haben die Amerikaner ein internationales Kontingent zusammengestellt, „Leitverband“ (Bw-Jargon) waren die Saudis, Amir sollte eigentlich ein Prinz aus dem Haus al-Saud sein, doch, da von denen keiner wollte, verfiel man auf OBL. Zwar bin ich selber noch nicht in Arabien gewesen (sehr wohl aber in Zentralasien, worauf ich später noch zurückkommen werde), jedoch 20 Jahren Muslima, so dass ich mir zumindest die Bereitschaft zuspreche, mich in muslimisches Denken und Fühlen hineinzuversetzen. Dies scheint mir übrigens in noch ausgeprägterem Maß die Stärke von SUSANNE OSTHOFF zu sein, die ich sehr schätze.
Mir ist jedenfalls berichtet worden, dass man in Saudi-Arabien sehr wohl die Heuchelei der Königsfamilie wahrnimmt. Obwohl mittlerweile ein Liebling der Anti-Islam-Szene, empfehle ich Ihnen den blog des "RELIGIOUS POLICEMAN", aus dem Sie einiges erfahren, was die islamische Welt bewegt, sowie weiter die englischsprachigen Seiten von z. B. ARAB NEWS mit ihren Diskussionsforen – aber auch dazu später noch mehr.
Ich denke nicht, dass die USA mit der Aufrüstung der Mujaheddin in eine „Falle“ getappt sind, sondern ich denke, dass die schon andernorts zitierte Hybris sie dazu gebracht hat, ihre Handlungen hier nicht vom Ende her zu denken. Auch darin sind sie durchaus die Erben Britanniens.
Unmittelbar nach dem Einmarsch war ich übrigens auf einem großen Muslimtreffen in England und hatte die Gelegenheit, AHMED DEEDAT zu lauschen, einem in der englischsprachigen Welt sehr bekannte indisch-südafrikanischen Imam, der es schon damals auf den Punkt brachte (fast wörtlich):
„Wir Muslime sind durch den Einmarsch der Amerikaner ent-eiert ! Unser Eier bekommen wir nur zurück, wenn wir solche Sachen endlich selber in die Hand nehmen.“
Er meinte durchaus, dass die muslimische Welt ihre Entgleisungen selber regulieren muss – eine Auffassung, der ich durchaus auch zuneige. Deedat sagte damals noch so sinngemäß: wenn sie das nicht schafft, hat sie es redlich verdient, dass „Westmächte“ das machen und dann noch auf islamischer Erde. – Worauf er dann dem anschließenden Tumult von seinen Leibwächtern entzogen wurde.
Die beschriebenen Einschätzung von al-Dschazira nebst Klonen teile ich. An Hand der Ausstrahlung eines Videos der Mütter der deutschen Geiseln im Irak habe ich mein Unbehagen hierzu auch schon einmal zum Ausdruck gebracht, wenngleich in etwas speziellerer Form. Hier.
Die These von der „Tribünenfunktion“ teile ich ebenfalls nicht. Wie man meinen Folien entnehmen kann, ist m.E. al-Qaida weder eine „Brigade“, der die nationalen „Bataillone“, noch eine islamische Komintern, die mit einer Stimme spricht. Außerdem gehört zu dieser Auffassung von Islam zwingend, auch „den islamischen Staat“ anzustreben. Wie Sie aus meinen Ausführungen sehen können, ist das angestrebte Vorbild meistens das Gemeinwesen von MEDINA, das als ideales Gesellschaftsmodell empfunden wird. Wie Ahmed Rashid hier:

aus meiner Sicht sehr überzeugend kundtut, zeichnen sie all diese Gruppen dadurch aus, daß sie zwar "den islamischen Staat" wollen, die Theoriebildung jedoch recht dürftig ist. Er schreibt (S.19):
Dies neuen islamischen Fundamentalisten haben gar kein Interesse daran, aus einer korrupten eine gerechtere Gesellschaft zu machen. Sie kümmern sich auch nicht um die Schaffung von Arbeitsplätzen, um Bildungsfragen oder das soziale Wohl ihrer Anhänger... Die neuen Gruppen, die den Dschihad auf ihre Fahnen geschrieben haben, verfügen über kein wirtschaftliches Konzept. Sie haben auch keine Pläne für bessere Regierungen... Sie glauben, dass ehrer der Charakter, die Frömmigkeit und die persönliche Integrität ihren Führer befähigen werden, die Geschicke der neuen Gesellschaft zu lenken, als seine politischen Fähigkeiten, seine Ausbildung oder Lebenserfahrung. So hat sich eine neues Phänomen entwickelt, der Personenkult...
Allfällige Rufe nach der „Ökumene“ halte ich für rein taktischer Natur – dazu ist der Graben zu tief.
Text II: Dass Bin Laden als „Marketingmanager“ fungiert, sehe ich auch so. Genau das hat er ja auch studiert: Betriebswirtschaft und Personalmanagement. Den Bedarf an religiösen Statements muss er ja auch nicht mehr bedienen. Wie ich ja schon ausgeführt habe, bauen aus meiner Sicht die wesentlichen Texte aufeinander auf. Und „Rhetorik der Verteidigung“? – Na klar, macht doch fast jede kriegführende Partei so! Und wer, der einen Krieg rechtfertigt, „formt“ nicht „die Wahrheit, wie sie ihm passt“? Ich sage nur: Massenvernichtungsmittel im Irak...
Ihre Frage aus Ihrem zweiten Teil: „Kann es im übrigen sein...dass sich beide Seiten...immer ähnlicher werden?“ hat ARUNDHATI ROY nach dem 11. September bereits mit einem „Ja“ beantwortet. Dem kann ich mich nur anschließen. Sie schrieb damals:
Wer ist Usama Bin Ladin aber wirklich? Ich möchte es anders formulieren: Was ist Usama Bin Ladin? Er ist das amerikanische Familiengeheimnis. Er ist der dunkle Doppelgänger des amerikanischen Präsidenten. Der brutale Zwilling alles angeblich Schönen und Zivilisierten. Er ist aus der Rippe einer Welt gemacht,die durch die amerikanische Außenpolitik verwüstet wurde, durch ihre Kanonenbootdiplomatie, ihr Atomwaffenarsenal, ihre unbekümmerte Politik derunumschränkten Vorherrschaft, ihre kühle Mißachtung aller nichtamerikanischen Menschenleben, ihre barbarischen Militärinterventionen, ihre Unterstützung fürdespotische und diktatorische Regimes, ihre wirtschaftlichen Bestrebungen, die sich gnadenlos wie ein Heuschreckenschwarm durch die Wirtschaft armer Ländergefressen haben. Ihre marodierenden Multis, die sich die Luft aneignen, die wir einatmen, die Erde, auf der wir stehen, das Wasser, das wir trinken, unsere Gedanken.
Text III: Zu Abdullah Azzam gibt es auf der politischen Ebene eigentlich nicht mehr sehr viel mehr zu sagen, als Sie und ich schon gesagt haben. Um die Stärke von Azzams Anspruch mehr herauszustreichen, als das bislang geschehen ist, auch als religiöser Reformator zu wirken, erlauben Sie mir bitte, noch etwas ausführlicher auf auf die religiösen Pflichten einzugehen. Ich bin sicher, dass die „persönliche Verpflichtung“ im Original „fard ´ain“ hieß. Da später im Text auch von „“Rukn“ = Säule die Rede ist, handle ich das hier jetzt gleich mit ab, denn es ist ja – zu Recht – auch von der Zufügung von noch mehreren Säulen die Rede (dass ich hier nur auf eine weitere komme, ist für das Folgende unerheblich (Quelle: Ahmad A. Reidegeld, Handbuch Islam – die Glaubens- und Rechtslehre der Muslime, aus meiner Sicht ein sehr dogmatisch-konservatives, nichtsdestoweniger höchst empfehlenswertes Buch):
„Rukn = Säule bezeichnet eine Pflicht, die unverzichtbar zum Islam gehört. So sind etwa die fünf ‚Säulen`, al-khamsatu arkan: Das Glaubensbekenntnis, das Gebet, die Armensteuer, das Fasten im Ramadan und die Hajj solche ‚Arkan´. Man muss diese Pflichten erfüllen, und daran glauben, dass sie Pflichten sind. Wer die Dinge, deren Erfüllung ‚Rukn´ ist, ohne Entschuldigung nicht erfüllt und – ohne sein Tun zu bereuen – stirbt. muss damit rechnen, im Jenseits dafür bestraft zu werden. Die Unterlassung eines Rukn...gilt als Kabira... “ (wörtl. große Sünde ~ Todsünde)
Das gleiche gilt dann sinngemäß natürlich für irgendwelche „angeflanschten“ Säulen. Es soll noch angemerkt werden, dass die Säulen in ihrer Wichtigkeit je nach Gelehrten jeweils eine unterschiedliche Reihenfolge haben. Das Gebet gilt allgemein als erste. Azzam nimmt ja seine „sechste Säule“ an die zweite Stelle...
Fard: bedeutet allgemein: absolute Pflicht. Man muss sie erfüllen „und zugleich daran glauben, dass dies wirklich durch Gott und den Propheten befohlen worden ist.“
Fard´ain: „bezeichnet eine Pflicht, die jeder einzelne erfüllen muss und die ihm von keinem anderen abgenommen werden kann.“ Das Nicht-Erfüllen einer Fard´ain ist eine Sünde, aber keine Kabira.
Fard kifaya: Gemeischaftspflicht. Gilt für alle als erfüllt, wenn ein Einzelner sie erfüllt, es kommt bei Nichterfüllung jedoch die Sünde auf alle, die sie hätten erfüllen können...
Das habe ich jetzt so ausführich ausgeführt, damit Sie ermessen können, welchen Druck Azzam mit einer dementsprechenden Terminologie ausübt.
Text IV: Zarqawi gibt aus meiner Sicht nicht mehr viel inhaltlich Neues.
Jetzt zum Resumé: Sie schreiben sehr richtig:
Die Gefahr des Buches beim emotional aufgewühlten Leser könnte darin liegen, daß der Islam insgesamt mit den Protagonisten gleichgesetzt bzw. verwechselt wird.
Ich sage Ihnen, das passiert schon! ich würde nicht sagen, "verwechselt", sondern absichtsvoll gleichgesetzt.
Es wird suggeriert, als sei das der Islam schlechthin. Es kommt noch Weiteres hinzu:

In der Buchbespechung von Bernd Thamm wird mit der Klassifizierung dieses Buches als "mutig" suggeriert, man müsse sich hier in Europa bereits fürchten, muslimische Äußerungen auch nur zu veröffentlichen. Das ist das Wahngebäude von Eurabia der euroarabischen Achse.
Das Buch zum (Wahn-)Film:

Hier die Kritik, die diesem Gebäude mit Recht die Qualität der Protokolle der Weisen von Zion zuweist.
Von webcat72 habe ich gelernt, was eine Schweigespirale ist: hier scheint mir der Begriff auf zu passen: Das System al-Qaida ist nicht der Islam an-und-für-sich, auch wenn manche das so darstellen hier noch mal eine Sammlung.
Von anderen Autoren lesen Sie deswegen nichts, weil sie nicht ins Bild vom bedrohlichen Islam passen. Eine muslimische Freundin von mir:
hier einer ihrer aus meiner Sicht besonders lesenswerten Texte: Was Sagt der Koran zum Judentum
oder hier: zum Thema: können Frauen Imame sein? für sie selber ist die Frage beantwortet: sie ist Imam der größten Moschee Hamburgs.
Wenn Sie den Namen googeln finden Sie noch mehr.

Muhammad Asad (Leopold Weiss) oder:
hier.

Den Link zu Koran und Tafsir (=Auslegung) finden Sie hier.
Aber es sind nicht nur Konvertiten, sondern auch zahllose andere, die von Bin Laden zu unterscheidende Auffassungen vertreten.
Ein für mich besonders herausragendes Beispiel ist

der verstorbene Scheich Ahmed Kuftaro der sich ja auch mit

Papst Johannes Paul II getroffen hat.
Dies jetzt mal fürs erste.
bigberta - 14. Apr, 18:00



























Jetzt kommentiere ich mich schon selber
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Leider habe ich momentan nicht die Zeit, das alles zu übersetzen...