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Naher Osten - wer hat die Übersicht?

schreibt anaximander in einem Beitrag vom 21. Juli. Oder, wie der Heute-Moderator Klaus Kleiber vorgestern sagte: es gibt keine Wahrheit mehr, sondern nur noch "Versionen". Klar scheint zu sein, daß die Hizbollah ihre Waffen lange gehortet hat, klar ist auch, daß sie von Syrien und dem Iran unterstützt wird.
Und solche Bilder,

lubnan_16

und noch schlimmere Können die Israelis en masse vorweisen, wenn es wieder ein Selbstmordattentat gegeben hat. und daß jetzt die ersten Beschuldigungen kommen, Israel würde Giftgas einsetzen, gehört wohl auch zum Propagandakrieg. Der Publizist Matthias Küntzel fordert in seinem Artikel, da Israel einen "gerechten Krieg" führe, hier in Europa möge man sich unzweideutig auf die Seite Israels stellen. Wenn Küntzel schreibt:
Nach diesem Motto nimmt die Hisbollah mit ihrer Kriegsführung den Tod nicht nur der Juden sondern auch unzähliger schiitischer Moslems in Kauf. So hat sie ihre Raketen gezielt inmitten schiitischer Wohnviertel platziert. so hat er damit sicher recht. Das ist der Hitler'sche Nero-Befehl. Daß sie freiwillig ihre Waffen abgeben, glaube ich auch nicht. Wenn Herr Küntzel schreibt:
Erstmals in der Geschichte des Nahostkonflikts distanzierte sich die überwiegende Mehrheit der Arabischen Liga von dem "gefährlichen Abenteurertum" der schiitischen Angreifer. Niemals zuvor wurden die Hisbollah und Iran (sowie indirekt die Hamas) derart desavouiert.
ist das sicherlich auch richtig. Betrachtet man allerdings diejenigen, die sich da gegen die Hisbollah positionieren, so denke ich, daß man sie genau auseinanderhalten muss. Wenn ich dann folgendes lese:
A leading Saudi Wahhabi cleric, Abdullah bin Jibreen, this week issued a fatwa, or edict, saying it was a sin to support or pray for Hezbollah, which strict Wahhabis view as an infidel group because it is Shiite. Bin Jibreen, a member of Saudi Arabia's higher religious council, said that he viewed Hezbollah as an enemy doing bidding for Iran, and that through it Tehran was trying to extend its influence in the region.
Quelle hier:
arab-leaders-unlike-much-of-public-uneasy-about-hezbollah (pdf, 132 KB) macht mich das verd*** nachdenklich. Hoffentlich wird da nicht ein Teufel mit einem Beelzebub ausgetrieben.

Ich hatte eigentlich mal vor, was über das Buch von Bruno Schirra zu schreiben, bloß das hat - via anaximander - hagalil bereits ganz hervorragend gemacht. Bruno Schirra beschreibt in seinem Buch, daß al-Qaida dabei sei, sich mit dem Netzwerk des schiitischen Terroristen Imad Mughniyah zu vernetzen, was der Terroristische Supergau wäre. Ich setze meine Hoffnungen auf Jordanien und Ägypten. Und ich hoffe wirklich, daß die Vermittlungsbemühungen Erfolg haben. Die Hisbollah muß entwaffnet werden. Aber dann hoffe ich für die Menschen auf beiden Seiten, daß sie endlich nach vorne schauen können.
anaximander - 25. Jul, 21:59

Dieser Stellvertreterkrieg

den die Hezbollah da führt, kann die ganze Welt in einen Krieg stürzen. Und mir scheint, die Welt wolle das nicht begreifen. Das Getue, es ginge um Muslime gegen Juden, Araber gegen Israeli - ist fruchtbar. Es ist grauenhaft. Das Verhalten der EU, wenigstens bis jetzt, beschämend.
Ob die NATO eine schlagkräftige Truppe zusammen stellen wird? - Es wäre wünschenswert. Die Hezbollah muss entwaffnet werden, die Hamas ebenfalls - und dann kann die Zwei-Staaten-Lösung endlich in Angriff genommen werden. Die Welt hat die Libanesen hängen lassen, sonst wäre die Entwaffnung schon längst Realität.

bigberta - 25. Jul, 23:09

Da gebe ich Dir recht, es ist ein Stellvertreterkrieg.

Ich bezweifle allerdings, daß die Hezbollah sich so einfach entwaffnen lässt. Natürlich geht es nicht um "Juden gegen Muslime" bzw. "Araber gegen Israelis".

Ich denke auch, daß es jetzt - auf beiden Seiten - mit der Aufrechnung der Vergangenheit ein Ende haben muss und man - gemeinsam - nach vorne blicken muss.
Was Du da herausgefischt hast, halte ich für die einzig gangbare Lösung.
Allerdings nur ein robustes Mandat nach Kapitel VII der UN-Charta, Hier sind weitere Grundlagen.
Was für mich endlich mal vonnöten wäre: daß sich - mit Ausnahme der UN - jede, aber auch jede externe Partei mal verkneifen würde, daran herum zu fummeln.
Besorg' Dir mal das Buch von Schirra, dann fehlt auch Dir dafür das Verständnis, daß man da jetzt wieder irgendwelche Wahhabis Fatwas schreiben lässt. Ist Dir bekannt, daß es seit Jahren schon Auseinandersetzungen um die Verwaltung von Mekka gibt - mal so als Beispiel? Ist Dir bekannt, daß der Gründer der Wahhabiyyah den größten Teil der shi'itischen Bevökerung von Saudi-Arabien massakriert hat? Und nicht nur die. Und Diesen Text habe ich gerade mal überflogen...
Hier noch ein weiterer Text von ai.
Was ich damit sagen will: ich denke, jede Mission in der Region benötigt arabische Unterstützer, aber die sollte man sich sehr sorgfältig aussuchen. Ich weiß nicht, ob Dir bekannt ist, daß Hamas von den Israelis mitaufgebaut und unterstützt worden ist als Gegengewicht gegen Fatah und die Gründung von Hizbollah mit eine Antwort auf die Massaker von Sabra und Shatila.
Das sage ich jetzt nicht, um das, was die Hezbollah jetzt abzieht, zu relativieren, sondern weil ich denke, daß das der Schlüssel ist, mit dem man sie eventuell isolieren könnte. Man muss auch eines beachten: die Akteure sind keine homogenen Blöcke: Hamas nicht, Fatah nicht, Israel nicht (auch wenn jetzt 80% verständlicherweise hinter ihrer Regierung stehen, so tun es 20% eben nicht...).
Das ist der Stratfor-Report von heute.Kannst Du ja bei Interesse auch bei Dir verlinken.
Vielleicht wäre das ein weiterer Schlüssel?
anaximander - 26. Jul, 08:33

BB

Sicher, die Auseinandersetzungen um Mekka sind alt, die gibt es schon seit mehr als 30 Jahren. Es ist ja schön und gut, dass du einen geschichtlichen Überblick bietest, ich bin aber der Meinung, dass jetzt nicht die Zeit ist, Geschichte aufzuarbeiten. Die Hizbullah ist ganz klar und eindeutig eine Terror-Organisation, besteht aus Todessehnsüchtigen, die nicht davor zurückschrecken, sich hinter den Rockzipfeln der Zivilisten zu verschanzen, diese mit in den heissgeliebten Tod zu zerren und bedroht den ganzen Nahen Osten. Das sehen auch einige arabische Staaten so. Wie Carla sagt, wird hinter vorgehaltener Hand viel geredet und beileibe nicht nur getadelt.
bigberta - 26. Jul, 09:47

Neinneinnein, anaximander,

ich habe oben ja geschrieben:
Ich denke auch, daß es jetzt - auf beiden Seiten - mit der Aufrechnung der Vergangenheit ein Ende haben muss und man - gemeinsam - nach vorne blicken muss.. Aber für das Beiseitelassen von Geschichte muß man werben. "Aufrechnung" nein, "Aufarbeitung" ja - ist nicht Israel aus der Aufarbeitung der Geschichte erst entstanden? Das ist ja die Basis der Ahmadinedjat'schen Provokationen: der Vorwurf, mit zweierlei Maß zu messen. Und es tut mir leid: das heilige Land steht ja da, wo es steht, weil "der Westen" immer "klar und eindeutig" wußte, was richtig ist: "Klar und eindeutig" die Araber gegen die Osmanen unterstützen, "klar und eindeutig" sowohl die israelis als auch die Araber aufzurüsten, als sie gegen die Wehrmacht gebraucht wurden, klar und eindeutig die Anklage gegen den Großmufti von Jerusalem fallen zu lassen. Gucks Du mal Glubb Pascha, den - britischen - Kommandeur der arabischen Legion, , der klar und eindeutig das Bemühen König Abdallahs von (Trans-)Jordanien ausgebremst hat, sich frühzeitig mit den Israelis auszusöhnen (weil er genau deswegen umgebracht wurde - er hatte klare Friedenssignale nach Israel gesandt und 1947 als einziger arabischer Herrscher den Teilungsplan der UNO akzeptiert). Ermordet von einem Abgesandten des von den Briten verschonten berüchtigten Großmufti von Jerusalem(und Onkel von Arafat) , als er eben diesen Großmufti abgesetzt hatte. Also: ich denke, daß es nicht alleine in der Hand des Westens, Geschichte zu werten. Jedenfalls ist aus meiner Sicht hier garnichts "Klar und eindeutig".

Es ging mir auch nicht darum Hezbollah zu beschönigen, zu relativieren oder zu "erklären", sondern nur zu zeigen, daß einige der arabischen Staaten, die jetzt so eifrig die Hezbollah kritisieren, nicht nur von edlen Motiven getrieben werden. Und nochmal: "klar und eindeutig"? Sorry to disagree. Hier ein Satz aus der deutschen Wikipedia: Die Hisbollah unterhält viele soziale Einrichtungen, Krankenhäuser, Schulen und Waisenhäuser. Dies führt, wie auch bei ähnlichen Gruppierungen wie der Hamas, zu einem weitreichenden Rückhalt in der Bevölkerung. Und hier ein Zitat aus der englischen Wikipedia: Hezbollah not only has armed and political wings but also boasts an extensive social development programme. The civilian wing also runs hospitals, news services, and educational facilities. Its Reconstruction Campaign ('Jihad al-Bina') is responsible for numerous economic and infrastructural development projects in Lebanon.[7][8] The group currently operates at least four hospitals, 12 clinics, 12 schools and two agricultural centres that provide farmers with technical assistance and training. It also has an environmental department and an extensive social assistance programme. Medical care is also cheaper than in most of the country's private hospitals and free for Hezbollah members. Most experts believe that Hezbollah's social and health programmes are worth hundreds of millions of dollars annually. Hezbollah mainly gets its money from donations. It is no secret that Hezbollah receives financial help from Iran and Syria, although Hezbollah denies receiving aid from those countries. Also doch wohl nicht "klar und eindeutig" nur todessehnsüchtig. Was "Einzelkämpfer" wieImad Mughniyah betrifft: er, den Bruno Schirra als "Meister" gegenüber dem "Lehrling" betrifft: kann sein, daß der "aus dem Ruder gelaufen" ist, kann nicht sein. Weiter habe ich wirklich Bedenken, ob das "Israel", das da mit einer "Generalabsolution" (Gregor Keuschnig) versehen werden soll, das Israel der Realität ist.
anaximander - 26. Jul, 13:49

BB, wikipedia müsste

über die Hizbullah schreiben: einst und dann den Ist-Zustand anfügen.
Sie ist von einern sozialen Org zu einer feigen, sich hinter Zivilisten verschanzenden Institution geworden. Nasrallah brüllt laut und deutlich: wir lieben den Tod - und ist dafür besorgt, dass Zivilisten, die zu seinen anhängern gehören mögen oder auch nicht, mit seinen Kriegern zu Tode kommen. Das hört für mich jedes Verständnis auf und jedes Appellieren an Vernunft ist sinnlos.
Ich will nicht mit dir über Gregors Ansichten diskutieren. Sicher ist, dass der Jüdische Weltkongress immer wieder mit Israel verwechselt wird und viele darum meinen, 60 Jahre deutsche Rücksicht auf Israel sei genug....
bigberta - 26. Jul, 14:47

We agree to disagree

nein, sie sind beides und zwar gleichzeitig. Ohne ihre Unterstützer könnte sich Hezbollah nicht so halten, wie sie es offenbar können.
Wie Du ja sicher gelesen hast, machen die ja auch praktische Sozialarbeit, betreiben 12 Kliniken und offenbar ganz wesentlich das Gesundheitswesen, Wie gesagt, sie sind aus meiner Sicht beides gleichzeitig.
Und wo, bitte, steht in einem meiner Postings was vom "jüdischen Weltkongress"??? Ich will Dich jetzt nicht anmachen, aber Du verortest ein Ereignis wie die Auseinandersetzung zwischen dem Iran und Saudi-Arabien um Mekka vor 30 Jahren, wenn ich sage, man solle sich nicht auf dem Fatwa eines Wahhabis ausruhen und das als Unterstützung nehmen - da soll man die Geschichte ruhen lassen? Versetz' Dich mal nur für einen Moment in die Rolle eines Muslims, der dann sagt, aha, das interessiert nicht, aber Auschwitz interessiert? Zumal es Muslime, wie Abdullah I. von Transjordanien gegeben hat, der den Teilungsplan anerkannt hat (und dessen Arabische Legion nach Auschwitz von den Briten immerhin soweit aufgerüstet und trainiert wurde, daß sie in der Lage waren, den für lange Zeit einzigen Sieg gegen Israel zu erringen. - Wer andauernd "Auschwitz" ruft, der relativiert für mich, der macht den Holcaust beliebig. Außerdem - sollten nicht auch die "Rücksicht nehmen" und Verantwortung übernehmen deren Länder damals die flüchtenden Juden nicht über ihre Grenzen gelassen haben? Denn, wie Broder mal gesagt hat (fast der einzige Satz, den ich von ihm noch akzeptieren kann): wir hatten damals keinen Ort, wo wir hinkonnten. Und jetzt haben wir einen. auch wenn wir nicht wollen, wir könnten, wenn wir wollten. Deutschlands besondere Verantwortung sicherlich, aber das heißt nicht, daß die anderen Länder, namentlich die mit den damals geschlossenen Grenzen keine hätten. Und daß sich Menschen, deren Gegenwart verzweifelt ist, nur noch mit dem Jenseits trösten, ist erstens nicht nur dem Islam eigen, sondern auch anderen Religionen. ich sehe darin zunächst mal einen Ausdruck der Verzweiflung. Und das ist erstmal nichts lächerliches. Daß das von einem Nasrallah, von einem Ahmdainedjat, von einem Asad mißbraucht wird, steht außer Frage. Aber nur einsetig von einer ahistorischen, einseitigen Momentaufnahme auszugehen und diesen Menschen "Geschichte" abzusprechen und sie - einseitig - lediglich Israel zuzusprechen, löst das Problem nicht. Jetzt übrigens, wo es in den Nachrichten (n-tv) schon heißt, daß Israel sich militärisch überschätzt hat, ist Vorsicht und Fingerspitzengefühl angesagt. Es gibt nämlich sonst nur die Option mit 100.000 Soldaten dort reinzugehen - ohne Erfolgsgarantie. Und das will bestimmt niemand.
anaximander - 26. Jul, 16:35

Liebe BB

es hätte mir klar sein sollen, dass du versuchst, Hizbullah reinzuwaschen und zu einer menschenfreundlichen Organisation, die sich um Hilfsbedürftige kümmert, zu machen. Ganz Unrecht hast du nicht: sie tut es ja - bis zum sicheren Tod.
Der latent vorhandene Antisemitismus kommt halt einmal mehr zum Tragen.
bigberta - 26. Jul, 17:24

Nein, ich versuche nicht,

Hezbollah "reinzuwaschen", sondern ich bitte um Differenzierung. Alle diese Organisationen haben eine Geschichte, ob einem das gefällt, oder nicht. und man muß sich, ob einem das gefällt oder nicht, auch dafür interessieren, warum sie so ein Standing in der Bevölkerung haben; und ich denke, das hat erstmal mit Antsemitismus nichts zu tun, sondern mit praktischer Sozialarbeit. Das übersehen die Leute übrigens auch immer bei der NPD: die haben in Sachsen auch nicht deswegen so ein Standing, weil sie andauernd deutschnationale Töne spucken, sondern, weil sie sich um die Nöte der Leute kümmern, und sich deren Probleme annehmen. Das nicht zu sehen, ist einfach überheblich. Und so kriegt man die Sache nicht in den Griff, weder die Hezbollah im Libanon, noch die NPD in Ostdeutschland.
Gregor Keuschnig - 27. Jul, 11:48

Nicht jeder,

der gegen die unverhältnismässigen Bombardements des israelischen Militärs ist, "wäscht" die Hisbollah rein. Das ist Blödsinn. Das mit "Antsemitismus" in einem Atemzug zu bezeichnen, zeigt, dass da jemandem ganz schnell das argumentieren zu schwer wird und wieder nur in Schwarz-Weiss-Mustern gedacht wird. Genau dieses Denken exitiert im Nahen Osten seit Jahrzehnten und hat nur Tod und Leid gebracht.
bigberta - 27. Jul, 12:17

Wie Sie ja selber gesehen haben, ist

"Verhältnismässigkeit" durchaus eine völkerrechtliche Kategorie. Was Netto erreicht wurde: Nasrallah scheint sich nach Syrien geflüchtet zu haben. *Natürlich* ist es nötig, die Hezbollah zu entwaffen, aber was mich stört, ist die Einseitigkeit der Argumentation. Gibt man sich ein internationales Recht, so haben sich alle daran zu halten. Geht es um "Geschichte", so hat die Geschichte jedweder Partei respektiert zu werden, interessiert nur das Netto und keine Geschichte mehr, wäre die logische Konsequenz, daß "Auschwitz" dann auch nicht mehr zählt, was bei Gott der falsche Weg wäre. Wie sehr "Geschichte" immer noch eine Rolle spielt (und wie sensibel solche Themen angegangen werden müssen) zeigt sich ja in den Vorbehalten des Zentralrats der Juden gegen deutsche Soldaten bei einer eventuellen Friedensmission. Können Sie sich vorstellen, was los wäre, wenn ein Deutscher einen Israeli erschießt? Das wäre die Mutter jedweden SuperGAUs. Solche Schwarz-Weiß-Denke kommt meistens dann, wenn man sich von derr eigenen Befindlichkeit übermannen läßt. Auch der Nahe Osten ist nicht nur schwarz und weiß.
Gregor Keuschnig - 28. Jul, 08:21

Meines Wissens

gibt es die "Verhältnismässigkeit" in den diversen Kriegslegitimationsabkommen (ich weiss, das ist polemisch) expressis verbis nicht - aber ich lasse mich auch da gerne belehren.

Mich stört auch die Einseitigkeit der Sichtweise - zumal es bei Kriegen seltenst immer nur einen Schuldigen gab/gibt. Mindestens muss die Geschichte davor betrachtet werden - aber eben nicht mythologisiert, denn in diesen unheilvollen Erzählungen liegen mit die Ursachen von Kriegen.

Solange das Brechen des internationalen Rechts derart viele Vorteile bringt und nicht verfolgt wird / nicht verfolgt werden kann (bzw. man sich der Verfolgung durch Nichtanerkennung der Organe einfach entziehen kann), ist dieses internationale Recht sinnlos. Natürlich wird immer am stärksten von denen rekurriert, die es gerade bei sich gebrochen sehen. Die Illusion eines "sauberen Krieges" ist eine offensichtlich unausrottbare Vorstellung; in Deutschland war Ernst Jünger deren grösster Apologet.

Ich bin Ihnen ja noch eine exakte Antwort schuldig - im Moment nur soviel: eine guerilla-ähnliche Organisation, die (aus den unterschiedlichsten Gründen) nicht anerkannt wird, sieht natürlich auch keine Notwendigkeit sich an völkerrechtlichen Aspekten zu orientieren. Eine reguläre Armee, die diese Guerilla bekämpft, und dabei ebenfalls das Völkerrecht verletzt (und zwar nicht nur einmal, sondern durchaus strategisch) handelt um keinen Deut besser.

In Köppnicks Blog ist ein interessanter Hinweis auf einen sehr lesenswerten Artikel.

Zur Frage einer deutschen Beteiligung an einer evtl. UN-Mission: Ich halte dies aus mehreren Gründen für unmöglich - (1.) ist die Bundeswehr bereits jetzt an ihre Kapazitäten gestossen, (2.) im Zweifelsfall werden sie Opfer von "Fehlern" (da würden sicherlich irgendwann beide Seiten keine Rücksichten mehr nehmen - aber man stelle sich vor, die UN-Mitarbeiter wären von Hisbollah-Geschossen ermordet worden!) und erst (3.) die historische Komponente. Obwohl es allerdings m. E. 1999 kein Zentralratsmitglied interessiert hat, ob es historisch vertretbar ist, deutsche Soldaten nach Jugoslawien zu schicken (für die Serben war das sehr wohl ein Thema).
Carlawenigeristmehr - 28. Jul, 09:59

Guten Morgen, Herr Keuschnigg,

Eine reguläre Armee, die diese Guerilla bekämpft, und dabei ebenfalls das Völkerrecht verletzt (und zwar nicht nur einmal, sondern durchaus strategisch) handelt um keinen Deut besser.

Das ist natürlich ein hervorragendes Argument für die Abschaffung regulärer Armeen und Ersetzung durch Guerilla. Dann brauchen sich die selbsternannten Völkerrechtsexperten nicht mehr den Kopf zu zerbrechen, was allerdings aus meiner Sicht ein Rückfall in den völligen Wahnsinn wäre. Was tun ? Es ist nur der umgekehrte Weg möglich und damit die Erklärung aller Milizen zu kriminellen Banden wie es Deutschland mit den Skinheads Sächsischer Schweiz getan hat.Wo kämen wir da hin, wen sich auch in Deutschland jede Partei noch eine Hausmiliz zulegen würde und jeder Stadtteil eine bewaffnete Bürgerwehr.
bigberta - 28. Jul, 12:08

Guten Morgen, Carla, guten Morgen, Gregor Keuschnig,

um nochmal zur Hezbollah zurückzukommen: es geht mir definitiv nicht um irgendeine "Reinwäsche", sondern um eben jene Verhältnismäßigkeit. Das mal vorweg.
Das ist natürlich ein hervorragendes Argument für die Abschaffung regulärer Armeen und Ersetzung durch Guerilla. Dann brauchen sich die selbsternannten Völkerrechtsexperten nicht mehr den Kopf zu zerbrechen, was allerdings aus meiner Sicht ein Rückfall in den völligen Wahnsinn wäre.
Carla, leider ist das genau das, was mittlerweile im Gange ist, ob einem das gefällt oder nicht. Es wird mit dem Konzept des "neuen Krieges" beschrieben und es ist der Rückfall in die Zeiten des 30-jährigen Krieges. Hier habe ich eine Gegenüberstellung versucht. Also: das ist bereits in vollem Gange. Seinerzeit wurde das Aufstellen einer Nationalarmee als Fortschritt erachtet und man hielt eben diese Milizen für ein Auslaufmodell. Sie sind immer das Kennzeichen eines schwachen oder zerfallenden Staates (womit das natürlich zu Überlegungen bzg. USA reizt, wo es ja auch Bürgermilizen gibt). Und, Carla, ich teile Deine Einschätzung vom Auhebeln des Völkerrechts. Und ich frage mich auch, warum man denn bitte Armee und Polizei des Libanon nicht vorzeitiger gestärkt hat. Und nochmal: solche Vereinigungen wie Hizbollah oder Skinheads Sächsische Schweiz gewinnen ihre Stärke nicht in erster Linie durch Waffensammeln und Kampfrhetorik, sondern durch praktische Sozialarbeit. So hat die SSS sicherlich auch davon profitiert, daß Uwe Leichsenring die einzige Fahrschule am (Heimat-)Ort hat. Allerdings sehe ich einen Unterschied: die kriegen niemals, wie Hezbollah ihre Bierbäuche an einer Hauswand hoch.

Naja, Uri Avnery würde ich schon ernst(er) nehmen, schließlich ist er seit den 30er Jahren dort unten. Außerdem war er mindestens 1948 selber an de Vertreibung der Palästinenser beteiligt. Es darf also vermutet werden, daß sein Standpunkt fundiert und durch Erfahrung getragen ist.
Auf seiner website gibt es auch einen Artikel, wo er sich über das deutsche Fähnchenschwenken Gedanken macht, und zu dem Schluß kommt, daß eine Nation, die sich ihrer selbst schämt kein vernünftiges Verhältnis zu anderen Nationen aufbauen kann - allerdings ist das nicht der Hauptgedanke des Artikels. Warum erwähne ich das jetzt hier? Weil mir jegliches Verständnis dafür fehlt, wenn sich pro-Israel mit anti-deutsch mischt und wieder die ewigen Reizworte und Versatzstücke kommen, die immer kommen: Wehrmacht, Shoa, Stahlhelm... Man könnte jetzt natürlich den Traditionserlass der Bundeswehr diskutieren, der festlegt, daß die Wehrmacht als ganzes keine Tradition bildet, daß es aber einzelne Angehörige sehr wohl tun, nach denen dann auch Kasernen benannt sind, nicht nur die Männer des 20. Juli, sondern auch ein kleiner Wiener Feldwebel namens Anton Schmidt. Aber erstens ist mir aus beruflichen Gründen verwehrt, sowas öffentlich zu tun (sowie ich mich öffentlich ja immer nur als "BigBerta" und nicht als Angehörige meines Trachtenvereins äussern darf. (NB: was Liza wohl dazu sagen würde, wenn er/sie sich mal klar machte, daß die Wehrmacht und Luftwaffe an prominenter Stelle Männer jüdischer Hekunft hatte? Z. B. Erhard Milch und Erich v. Manstein (v. Lewinski)? Aber ich will mich hier nicht verplaudern...
Was diese Antideutschler übrigens kennzeichnet ist, daß deren "Deutschland" (das IMHO ein Produkt ihrer Projektion ist) es eigentlich immer falsch macht: hält es sich zurück, heißt es besondere Verantwortung, will es Verantwortung übernehmen, ist es auch wieder falsch. *Natürlich* ist das Räsonnieren über eine deutsche Beteiligung ein Signal: wir wollen, wenn Ihr wollt. Nochmal IMHO weist das ganze Anti-Gedeutsche Deutschland die gleiche besondere Bedeutung zu, wie ein Deutscher Nationalismus.

Ich darf Euch - auch als BigBerta - übrigens mitteilen, daß "das Ausland" für solche Antideutschelei nur Kopfschütteln übrig hat, aber das ist ja hier auch nicht das Thema: noch mal zur Hezbollah: wie ich den diversen Artikeln, Nachrichtensendungen etc. entnahm, nimmt die Hezbollah das libanesische Volk nicht als Geisel (was die Wahhabis mit den Tschetschenen und Bosniern zumindest partiell tun bzw. getan haben), sondern verfügt über einen ständig wachsenden Rückhalt. Ein israelischer General läßt sich damit zitieren, man kämpfe gegen die "beste arabische Streitmacht", der sich Israel je gegenübergesehen hat. Ein Statement, ds im Lichte z.B. derr britisch geführten und trainierten "Arabischen Legion" die 1948 den für lange Zeit einzigen Sieg gegen die Israelis errungen hatte, zumindest bemerkenswert. Ich will ja nicht so boshaft sein, und vermuten, daß es das Signal an die USA ist, mal mit mehr Unterstützung rüberzukommen. Nein, nochmal, ich will auf was anderes raus: es zeichnen sich mittlerweile sunnitisch-schiitische Allianzen ab, die es so in der islamischen Geschichte noch nie gegeben hat: wie ich ja oben schonmal ausgeführt habe (am Beispiel der prestigeträchtigen Verwaltung von Mekka), besteht *eigentlich* eine tiefe Feindschaft, die es beide Denominationen im Zweifel immer lieber an die Seite eines christlichen Verbündeten getrieben hat. Ich darf hier das Buch von Amin Maalouf empfehlen, der genau darin die Barbarei sieht: es standen nämlich nicht, wie die Verdammer bzw. Verherrlicher meinen, gute/böse Christen gegen böse/gute Muslime, sondern die eine christlich-muslimische Koalition gegen die andere muslimisch-christliche. und Christen gegen Christen (Eroberung de Grafschaft Edessa) gab es auch und Muslime gegen Muslime ebenso. Warum erwähne ich das jetzt. Nun, ganz offenbar hat Hezbollah auch die Unterstützung von Teilen der christlichen Machtelite: Seht Euch mal dieses Bild aus dem aktuellen Stern an. und hier der Wikipedia-Eintrag, der auch zeigt, daß das mit der Front Christen gegen Muslime nicht ganz so einfach ist.
Naja, Karla, Du hast natürlich recht, wenn Du schreibst:

Was ich als hochinteressant einschätze, ist das Wissen über die Hizbollah, die allesamt kundtun, vermutlich wisen diejeniggen mehr darüber als die Hizbollah selber.
*Das* kann man für jede Partei sagen: die pro-Israeler, den Muslim-Markt... Was mich betrifft, so versuche ich nur, das zu sammeln, was ich in der - einigermaßen sachlichen - Presse finde, und das wendet sich eben *gegen* ein solches Bescheidwissen.

Die Hizbollah wird lediglich auf eine andere Weise glorifiziert, die ich jetzt so lustig finde wie die Glorifizierung des Mossad. Nein. Im Übrigen ist Dämonisierung, ob beim Mossad oder Hezbollah, auch eine From von Glorifizierung.
Gregor Keuschnig - 28. Jul, 12:34

@Carla

Ich bitte sachlich zu bleiben und mir nicht mit Unterstellungen zu begegnen. Ich habe nirgendwo etwas von einer Bevorzugung von Guerilla gesprochen. Ich neige auch nicht dazu, alle mir nicht genehmen Organisationen in einen Topf zu werfen und sie per se als Freiwild zu deklarieren (das machen Sie nicht, auch wenn es implizit durchschimmert).

Die Art und Weise, wie Sie Uri Avnery abkanzeln, empfinde ich als reichlich anmassend.

@BB
Ich glaube, dass das was heute asymmetischer Krieg genannt wird, keinesfalls so neu ist. Letztlich waren alle "Befreiungsbewegungen" in der (sogenannten) Dritten Welt, die sich gegen den Kolonialismus aufgelehnt haben, immer zunächst "Guerilla". Das geht schon seit -zig Jahren; grob gesagt hat es wohl mit der algerischen Unabhängigkeitsbewegung angefangen; vielleicht noch eher.

Die Strickmuster sind immer die gleichen gewesen: Man verweigert ihnen einen (eigentlich perversen) Status - den des "Soldaten" (implizit wieder der Wunsch nach einem "sauberen" Krieg). Ein paar Tausend (oder auch schon mal Millionen) Tote später kommt man auf die Idee, dass es besser wäre, zu verhandeln. Der Gipfel ist dann - auch das passiert gelegentlich - beide kriegführende Parteien bekommen irgendwann den Friedensnobelpreis; eine Reinwaschung für alle. (Besonders in Erinnerung der Nobelpreis an Kissinger und den Vietcong Vertreter Le Duc Toh 1973 und natürlich Arafat / Peres / Rabin).

Inzwischen nennt man sie Terroristen (was sie auch oft genug sind) und rechtfertigt damit ein Vorgehen, welches sich am Rande oder wider den völkerrechtlichen Regularien bewegt. Jeder Provinzdespot führt heute einen "Kampf gegen den Terrorismus" - tatsächlich unterdrückt er Meinungsfreiheit im eigenen Lande damit.

In den 60er und 70er Jahren wurden die Befreiungsbewegungen insbesondere von den Linken sehr oft idealisiert; es galt als Konsens, dass sie für ihre "Unabhängigkeit" kämpften. Man sprach damals nicht von asymmetischen Kriegen (wenigstens nicht in den populärwissenschaftlichen Medien, die ich [halbwegs] verfolgt habe), obwohl sie m. E. alle / viele Kriterien erfüllten.
bigberta - 28. Jul, 13:01

@ Gegor Keuschnig

Ein paar Tausend (oder auch schon mal Millionen) Tote später kommt man auf die Idee, dass es besser wäre, zu verhandeln. Genau das ist der Punkt, um den es mir hier geht. Und auch darum, da - "Prinzip Hundesohn" die Einschätzung "Gut" oder "Böse" ist flexibel. auch OBL war mal "unser Hundesohn", und auch die Taliban waren mal die Guten (und die ach, so wichtigen, unveräusserlichen Frauenrechte waren da erstmal nicht so wichtig). und somit hat Nasrallah durchaus noch Chancen mal "unser Hundesohn" zu werden - durchaus ein paar Hundert/Tausend *israelische* Tote später, was mich nicht erfreuen würde.

Eine Bitte: Carla ist nicht unsachlich, sondern formuliert manchmal recht pointiert, woran ich mich auch erst gewöhnen mußte, was ich aber mittlerweile schätzen gelernt habe, und macht - siehe Uri Avneri - manchmal genau das, was sie anderen vorhält, nämlich hier das "Bescheidwissen aus der Ferne". Finde ich aber legitim. Mache ich ja auch manchmal. - Ich möchte ihre genausowenig wie Ihre Beiträge missen.
CU
BB
bigberta - 30. Jul, 13:00

@ Carla, @Köppnick

Nur damit das klar ist: ich schreibe das nicht aus dem Impuls, der in den 70ern (Jürgen Bartsch) noch für den extremst gestörten Killer die Schuld bei der Gesellschaft suchte.
Jetzt aber zurück zum Thema, wobei das Thema "Bellizismus" bzw. in diesem Fall bellizistische Lösung aus meiner Sicht ein ganz wichtiges ist. Bitte lest den Artikel über die Hezbollah, falls Ihr das noch nicht getan habt. Darin sind zwei Sachen ganz aufschlussreich: erstens werden die Kämpfer ab Kindesalter gedrillt. Selbst, wenn es gelänge, eine Generation von Kämpfern zu liquidieren, so stünde die nächste ja schon bereit, erzogen von ihren Müttern. Ich nehme nicht an, daß irgendjemand die Lösung von Herodes preferiert. Der zweite, aber viel wichtigere Punkt ist, daß dieser Kämpfer (bevorzugt einer hier die Bezeichnung "Terrorist", auch in Ordnung) schreibt, ein Vorteil, den sie gegenüber den Israelis hätten, wäre der: sie hätten Geduld, und die zu bekommen, wäre Teil der Ausbildung, wozu man sie z.B. für längere Zeit in einem Haus absetzen und alleine lassen würden. Da muß einer Sun Tzu gelesen haben: setz' Dich an den Fluss und warte, bis die Leiche Deines Feindes vorbeischwimmt. Habt Ihr das mitbekommen: http://tinyurl.com/f8n6p ?
Carlawenigeristmehr - 26. Jul, 07:38

Wer hat den Überblick?

Das ist eine gute Frage, anscheinend alle, von uns abgesehen. anaximander hat schon treffend auf die manipulierenden Bilder und Worte hingewiesen, auch wenn Manipulation nicht immer beabsichtigt ist. Aber Bilder verfehlen niemals ihre Wirkung, selbst nicht bei so Empathiemuffeln wie mir.

Mich überrascht allerdings schon der etwas lässige, zum teil lebvole umgang mit der Hisbollah, anscheinend spielt hier die Rettung der verlorenen Jugend von Che, Mao, RAF und PLO Fans eine Rolle, es kann ja nicht alles umsonst gewesen sein und man ist auf der Suche nach neuen Identitätsplattformen.

Allerdings ist die Hisbollah dafür denkbar ungeeignet und entweder liegt bei den Hisbollahgroupies eine grenzenlose Naivität oder Bösartigkeit vor.

Es steht mir nicht an, die Oberschlaubergerin heraushängen zu lassen, mein wissen über die Hisbollah ist eher rudimentär, aber das bißchen, dass ich weiß reicht um mich laut aufstöhnen zu lassen.

Wenn ich gefragt werden würde (ich tu jetzt mal so als ob) würde ich der UNo vorschlagen der IDF bis zum Jahresende ein robustes Mandat zu verpassen und sie mit allem zur Vefügung stehendem ganz offiziell zu unterstützen.

Hinter vorgehaltener hand sind sich ja doch alle einig, das die IDF diesen job am besten von allen beherrscht, man kann ihr zur Unterstützung noch etwas KSK, Seals und was gerade prominent in diesem Bereich an die Hand geben.

Türken oder Ägypter mit robustem Mandat im Libanon, auf die Idee muss man erst mal kommen, die könne auch wenn sie bis auf die Zähne bewaffnet sind nicht gegen eine Guerillatruppe wie die Hizbollah etwas ausrichten, sondern werden sich lieber verschanzen.

hoffnung gibt mir lediglich der Hinweis auf die uneinigkeit innerhalb der Hisbollah, aber das kann natürlich auch zu den üblichen Täuschungsmätzchen gehören:

http://www.diepresse.com/Artikel.aspx?channel=p&ressort=a&id=574232

Genug über Weltpolitik schwadroniert, die innerdeutsche Diskussion und Frontenbildung ist schon heftig genug und da stelle ich seit jahren schon die Frage, was waren die anderen, zum beispiel in darfur oder tschetschenien falsch, wenn sie nicht eiinen bruchteil dieser Aufmerksamkeit bekommen? Liegt es tatsächlich im mangel an komfort für die journalistenmeute,wie böse Zungen behaupte - vom pool ins kriegsgebbiet und dann ab ins Ristorante von Tel Aviv -

Ich werde weiterhin im auge behalten , wer hier was zum besten gibt, aber eins bin ich mir sicher - es wird noch eine menge dummes Zeug über die Mattscheibe laufen.

bigberta - 26. Jul, 08:52

Moin, Carla,

Hoffnung gibt mir lediglich der Hinweis auf die uneinigkeit innerhalb der Hisbollah, aber das kann natürlich auch zu den üblichen Täuschungsmätzchen gehören
Glaube ich nicht mal. Wie ich bereits oben schrieb:keine der beteiligten Parteien ist ein monolithischer Block, Hamas nicht (da soll doch so eine Knallbratze von Damaskus aus an KameradBruder Hanije vorbei die Entführung der israelischen Soldaten befohlen haben. *Kann* ein Täuschungsmanöver gewesen sein, *muß* aber nicht. Wenn ich hier Sabra und Schatila bemüht habe, dann nicht, um zu sagen: die Israelis machen auch..., sondern weil man ja mal gucken könnte, mit welchem Anspruch Hizbollah damals angetreten ist, so Motto: was wolltet Ihr damals, und was macht Ihr jetzt? Kann aber auch sein, daß das von mir zu idealistisch gedacht ist.
Türken oder Ägypter mit robustem Mandat im Libanon... Die Idee, daß eine solche Friedenstruppe aus Angehörigen arabischer Staaten bestehen soll, fand ich garnicht so unpfiffig. Kam ja hier von Avi Primor. Einen deutschen Einsatz sollte man nämlich sehr gut durchdenken. Ich vermag nicht, mir vorzustellen, was los ist, wenn ein Deutscher einen Israeli erschießt, b zw. ich vermag es mir zu gut vorzustellen. Und der Erfolg einer UN-Mission hängt nur sehr bedingt von den Nationen ab, die teilnehmen bzw. führen, sondern von den Vorgaben. Du kannst an "Srebrenica" zum Beispiel, ein Lehrstück dafür finden, wie es im schlechtesten Fall läuft, wenn die Vorgaben nicht klar sind: 1994 hieß es noch - Du erinnerst Dich? - kein deutscher Soldat setzt je einen Fuß auf den Balkan, wg. Geschichte. Daraufhin fühlten sich die Niederlande geradezu herausgefordert, diese Mission zu bestreiten und haben sich massiv dafür beworben, ohne allzu genaue Absprachen mit den UN einzugehen. Weil es dann so eine - herbeigeschriebene!!! - massive Stimmung für die NL gab, hatte man vollkommen übersehen, daß in der Nähe ein dänisches Bataillon wesentlich besser ausgerüstet gewesen wäre (Leo2). Dazu kamen dann interne Auseinnandersetzungen bei den Niederländern um die Person von (damals) Oberstleutnant Karremans, dem Kommadeur von Dutchbat 3. Mittlerweile gilt es als gesetzt, daß Dutchbat 3 mit der Übernahme des Auftrages schon die A***-Karte überreicht bekam, und K. danach schon keine Chance mehr, überhaupt was richtig zu machen. Hier mal eine ultrakurze Zusammenfassung. Wobei noch zu erwähnen wäre, daß man K. sowohl "in der Heimat" als auch von UN-Seite dann die - richtigerweise - angeforderte Unterstützung verweigert hat. Und dann wurde alles "in de doofpot" gesteckt, d.h., man hat auf Kosten der Soldaten alles unter den Teppich gekehrt. Das erwähne ich jetzt, um zu zeigen, was alles bei der Vergabe eines solchen Mandats beachtet werden muss. Die Niederländer sind noch heute mit den Ausläufern der Schäden beschäftigt. Ach ja, Medien: eine Freundin von mir, die sich seit 30 Jahren für Frieden im Heiligen Land engagiert, hat mir empfohlen, mich für den Newsletter von Uri Avnery einzuschreiben, was ich wohl auch machen werde.
Gerade läuft bei mir im Hintergrund n-tv. Es scheint so zu sein, daß sich Italien für die Rolle der "lead nation" bewirbt.

Ja, und was die Kriegsreporter betrifft: die einzige, die für mich glaubhaft ist, ist Antonia Rados, die auch dann, z.B. in Tschetschenien recherchiert, wenn das gerade mal nicht in den Schlagzeilen ist. Ansonsten ist das, was Du über die Kriegsreporter schreibst, mal Thema eines spanischen Films gewesen, damals am Beispiel von Sarajewo: so Motto, die haben alle einen Knall, betreiben ihr Gewerbe suchtartig und laufen vor was weg. Das gleiche behauptet man übrigens auch von denen, die andauernd als UN-Militärbeobachter durch die Welt ziehen, Und ich habe mal einen dänischen UNMO (UN-Military Observer) sagen hören: It's no job, it's a lifestyle...
Übrigens: Für diesen Krieg interessiert sich kein Schwein... und Hier und hier..
Gregor Keuschnig - 26. Jul, 08:05

Ja,, der "gerechte Krieg"...

UN-Missionen machen nur Sinn, wenn beide Parteien diesen zustimmen, was meistens nur dann geschieht, wenn eine ihre drohende Niederlage abwenden will. Die Hisbollah hat sich über die Jahre zu einem Staat im Staate entwickelt, der mit militärischen Mitteln scheinbar beliebig agieren kann. Das hat u. a. damit zu tun, dass der Libanon als Staatsgebilde zu fragil ist; die jeweiligen Regierungschefs beherrschen nur Enklaven und nicht das ganze Land. Ähnliches ist übrigens auch in Afghanistan der Fall - und dort sind ausländische Truppen in grosser Zahl.

Wir haben in den letzten Jahren schon einige "gerechte Kriege" erlebt, beispielsweise der (völkerrechtswidrige) Angriff der NATO (inklusive Deutschland) auf Serbien, der genau so "gerecht" war wie Bushs Angriffskrieg auf den Irak (beide übrigens - wie sich später herausgestellt hat - mit gefälschten "Beweisen" geführt). Jetzt sollen wir Israel die Generalabsolution erteilen, obwohl das israelische Militär ohne Rücksichten zivile Einrichtungen zuerst angreift, Streubomben einsetzt (die ja diesem ach so tollen Völkerrecht widersprechen - keine Sorge: die NATO - also auch Deutschland - hat diese Streubomben 1999 im Kosovo auch eingesetzt), UN-Stützpunkte bombardiert (sicherlich nur ein "Fehler") und so ganz nebenbei Kasernen der regulären libanesischen Armee zerstört (die sie ja eigentlich auffordert, sich auch im Südlibanon als Ordnungskraft wider die Hisbollah zu zeigen).

Wenn eine Armee auf Terror (der Hisbollah) mit einen unverhältnismässigen Gegenterror antwortet; wenn ganz offiziell eine "Quote" von 1:10 genannt wird (für jedes zerstörtes Haus in Israel will man 10 Häuser im Libanon zerstören) - dann ist es in der Tat beschämend, dass dem niemand (inklusive diese Witzfigur Solana, die die EU erschreckenderweise in "Aussenangelegenheiten" vertritt - selbst ein Kriegstreiber von 1999) das nennt, was es ist: ein Verbrechen - unverhältnismässig, brutal und - das ist das wichtigste - eine wahre Züchtung des weiteren Hasses in den Köpfen der (sehr einfach gestrickten) Menschen dort, die irgendwann nichts mehr haben, ausser ihren Hass. Man begegnet einem Verbrechen in dem man selber quantitativ noch grössere Verbrechen verübt. Und das soll man "gerecht" finden?

Jeder, der einigermassen klar denken kann, weiss, dass Terroristen oder guerillaähnlich organisierte Krieger nicht mit militärischen Mitteln besiegt werden können. Kurzfristige "Erfolge" werden u. U. zu verzeichnen sein - aber langfristig helfen nur politische Massnahmen, die von neutraler Seite robust unterstützt werden können. Die USA (und auch die EU als Organisation) scheiden aus - sie sind nicht mehr neutral (insbesondere die USA nicht). Die Tatsache, dass wir (derzeit) nur eine "Supermacht" haben, rächt sich bitter.

bigberta - 26. Jul, 10:40

Völkerrecht

Das Problem ist, daß man die aktuelle Auseinandersetzung nur teilweise mit den Mitteln des Völkerrechts erkären kann. Zunächst: die Hizbollah ist möglicherweise eine völkerrechtlich anzuerkennende/anerkannte "Freischar", Die Haager Landkriegsordnung stellt Freischaren dem regulären Streitkräften gleich, wenn sie eine Organisationsstruktur haben, ein von weitem erkennbares Zeichen tragen, die Waffen sichtbar bei sich führen und sich während der Kämpfe an die Gesetze und Gebräuche des Krieges halten. Freischärler gehören dann auch zur Gruppe der Kombattanten. Ob einem das gefällt, oder nicht. Dann sind sie nicht nur Verhandlungspartner, sondern durch die dritte Genfer Konvention geschützt. Und die israelische 1:10 Regelung bewegt sich, so, glaube ich, ebenfalls innerhalb des Völkerrechts gedeckt, Stichwort "Repressalie", ebenfalls, ob einem das gefällt, oder nicht. Es handelt sich um einen asymmetrischen Krieg und da ist die Hisbollah Partei, offensichtlich auch Partei und hat mit am Tisch zu sitzen - ob einem das gefällt, oder nicht.
Und ihrer Aussage: Jeder, der einigermassen klar denken kann, weiss, dass Terroristen oder guerillaähnlich organisierte Krieger nicht mit militärischen Mitteln besiegt werden können. stimme ich uneingeschränkt zu.
Was ich für gefährlich halte, sind diese jetzt wir Pilze aus dem Boden schießenden Gewißheiten, die sich hier im Netz in den um sich greifenden "Israel-" Bannern äußern, bei denen ich den Verdacht habe, daß ein "Israel" gemeint ist, daß so in der Realität garnicht existiert. Deswegen verlinke ich Uri Avnery hier auch noch mal. Wie fragil die Situation ist, sieht man in der Tat an der Bombardierung der 4 Militärbeobachter aus Kanada, Finnland, Österreich und China.
Und wenn schon ein so besonnener Mann wie Kofi Annan - zu Recht oder Unrecht - von "Vorsatz" spricht, dann zeigt das in der Tat, wie fragil die Situation ist.
Daß die Israelis, die (Peres) am Sonntag noch gesagt haben, sie lösen das Problem lieber alleine, jetzt von einer 20.000 bis 30.000 Mann starken Friedenstruppe sprechen, finde ich zumindest bemerkenswert.
Ihr Vergleich mit Afghanistan trifft es, trifft es bei allen Friedensmissionen. So ist die älteste ja von 1948... Allerdings: in den meisten Fällen sähe es ohne Friedenstruppen noch schlimmer aus. Und noch eines: ich habe mal von einem Kanadier, der in Guatemala Militärbeobachter war: "...es funktioniert nur, wenn beide Parteien das wollen, weil sie beide nicht mehr können..." Vielleicht hat die Überlegung von Schorsch Dabbeljuh doch was: "Syrien soll der Hezbollah sagen, die sollen mit dem Scheiß aufhören". Und wenn der Iran das dann auch noch sagt...
Gregor Keuschnig - 26. Jul, 15:44

Völkerrecht

Ich habe mich missverständlich ausgedrückt: Ich halte das, was man "Völkerrecht" oder "Haager Landkriegsordnung" nennt, für kompletten Unsinn. Wenn zwei (oder mehrere Parteien) sich auf elementare Verhaltensregeln nicht mehr einigen können (was ja dann den Krieg zur Folge hat) - dann soll man sich noch an Regeln halten, wie man diese Kriege "fair" führt? M. E. ein Widerspruch in sich: Krieg ist ja - grob vereinfacht dargestellt - die ultimative Eskalation u. a. von dessen, was man Kommunikationsfähigkeit nennen könnte (mir fällt im Moment kein besseres Wort ein). Wenn man sich über nichts mehr einigen kann, dann tritt die bewaffnete Auseinandersetzung an der Stelle einer Kommunikation.

Alle Versuche, Kriege sozusagen zu institutionalisieren, in "geordnete Bahnen" zu lenken, tragen letztlich erst zu deren Möglichkeit bei. Das bedeutet natürlich nicht, dass es ohne solche Abkommen (die wahllos und - vor allem - folgenlos gebrochen werden können, weniger Kriege gäbe. Aber es bedeutet, dass mit solchen Abkommen der Krieg als Möglichkeit politischen Agierens sozusagen "salonfähig" wird. Ihn zu geisseln, fällt schwerer.

Daher ist - solange es diese Abkommen gibt und die entsprechenden Staaten diese unterzeichnet haben - ein Einhalten dieser rechtlichen Ordnungen einzuhalten - auch wenn sie keinerlei Verbindlichkeit haben. Der Begriff des "Kriegsverbrechers" (eine Tautologie!) kann dann angewandt werden, wenn bewusst gegen entsprechende Abkommen verstossen wird.

Ähnlich verhält es sich mit der von Ihnen genannten Repressalie. Ich sage lieber nicht, woran mich diese 1:10-Regel erinnert hat.

Der Begriff des "asymmetrischen" Krieges ist m. E. eine Hilfskonstruktion. Nicht in diesen Kriegsabkommen einfliessenden, neuartigen Konstellationen (Freischärler, Guerilla, Terroristen) bekommen a priori den Status des "Soldaten" aberkannt (ausgehend vom Nationalstaatsprinzip, und somit tief im 19. Jahrhundert verhaftet). Wer Terrorist ist, bestimmt derjenige, der seine Krieger in Uniformen steckt und sie Soldaten nennt. Ich lehne diese Begriffsdifferenzierung in dem Moment ab, wenn gleiche Taten damit unterschiedlich bewertet werden sollen. (abgesehen davon, dass von Diktatoren oder Autokraten inzwischen jeder Regimekritiker zum "Terroristen" erklärt wird.)

Noch einmal: Ich bin nicht der Meinung, dass ein Soldat ein "potentieller Mörder" ist (ich war ja selber mal einer - wenn auch im Frieden). Aber er unterscheidet sich in dem Moment nicht mehr vom Terroristen, wenn er exakt das gleiche wie dieser macht. Denn ob ein Zivilist durch einen wahnsinnigen Selbstmordattentäter ums Leben kommt oder durch einen in Uniform steckenden Flugpiloten spielt keine Rolle mehr.

Die Bombardierung der UNO-Soldaten ist ein bisschen wie die Bombardierung der chinesischen Botschaft in Belgrad 2000. Das hat damals zu einer Wende im Kosovo-Krieg geführt. Es steht zu befürchten, dass dies diesmal nicht der Fall ist. Israel will die selbsternannten Gotteskrieger vernichten. Das ist menschlich zwar verständlich, aber militärisch undurchführbar und führt politisch in die Katastrophe.
Carlawenigeristmehr - 26. Jul, 19:38

Lediglich ein kleiner Lesetipp

http://www.welt.de/data/2006/07/26/973505.html

Uno
Schwarzbuch der Weltregierung
Bei den Vereinten Nationen herrschen Korruption, Rassismus und dröhnende Ineffizienz: Diese Bilanz zieht der amerikanische Ex-Politiker Pedro A. Sanjuan nach zehn Jahren in der UN-Zentrale.



Ansonsten wünsche ich einen schönen Abend und ziehe mich in die Gemächer zurück.
Gregor Keuschnig - 27. Jul, 07:59

Schwarzbücher und so

Danke @Carla für den Lesetipp. Ähnliches könnte man auch über die USA und deren Administrationen sagen. Was ein amerikanischer Neocon dazu sagt dürfte nichts Neues sein und trägt exakt Null zur Lösung von Problemen bei.
bigberta - 27. Jul, 11:25

Der Lesetipp

Danke dafür. Ich werde mir das Buch sehr wahrscheinlich sogar kaufen. Ich gebe bloß eines, nein, mehreres zu bedenken: erstens scheint es mir, daß für Leute wie Herrn Sanjuan gilt: je weg-er desto kritisch-er. Das Gefühl befällt mich auch immer, wenn ich Bücher von unsereren Generälitäten lese. Die kommen immer zu ganz erstaunlichen Erkenntnissen, aber immer, wenn sie pensioniert sind, wenn es keine "Sterne" mehr zu verdienen gibt (so lange die Möglichkeit besteht, daß ein zweites oder drittes Sternchen verdient werden kann, was dann ja auch immer einen Gehaltssprung von mehrmals Hartz IV bedeutet, hört man nichts von ihnen...) und auch kein Fernsehsender sie abends erzählen lässt, was sie tagsüber beim CNN-Gucken verstanden haben (Gabi Köster, 7 Tage / Köpfe). Da ist dann der eine völlig verrwundert, daß man sein Eintreten für einen Herrn Hohmann so ganz und gar nicht goutierte, der andere räsonniert über das Tapfer-Sein - als ich mal vor ihm "tapfer" war, vermochte ich so ganicht zu erkennen, daß er das in irgendeiner Form goutiert hätte... Und beide wissen dem geneigten Leser dann mitzuteilen, daß bei uns die Freiheit den Bach runter geht und man - seit und wegen Rot-Grün - nicht mehr sagen darf, was man denkt. Damit könnten die glatt ein "politisch unkorrektes weblog... Lassen wir das, ich komme ins Plaudern, wir waren bei der UNO. Was mich bedenklich stimmt, ist, daß solch UN-Kritisches immer dann erscheint, wenn die UN oder irgendeine ihrer Unterorganisationen mal Unterstützung bräuchte. Ich persönlich treibe mich beruflich bedingt ja meinstens auf Seiten der WHO oder IAEA rum - ihr könnt ja mal draufschauen. Aber ich komme zur Unterstützung zurück. Als ich gestern mal nach jener UN-Resolution 1559 bin ich daruf gestoßen, daß es Israel ist, was solche Resolutionen häufig ignoriert. Und eine Resolution, die mit einem 9:6-Stimmenverhältnis einhergeht, ist schwach, ein Instrument zur Durchsetzung kann man dann nicht hinterherschieben. Außerdem schien mir, obwohl da was von der Entwaffnung aller Milizen steht, das Augenmerk doch eher darauf gelegt zu sein, daß Syrien verschwindet.
Ich weiß aus eigener Erfahrung, daß solche Übereinkünfte meistens der "kleinste gemeinsame Nenner" sind, aber immer hochsensibel, selbst bei Alltagsgeschichten.
Was die Militärbeobachter betrifft: ich denke, wenn zwei aus Ländern mit einem untereinander kritischen Verhältnis dann in einem dritten Land zusammen Dienst tun, dann gehen Sie auch mit bestimmten Erfahrungen nach Hause. Ihr werdet es vielleicht bescheuert finden, aber jetzt bringe ich mal das Beispiel mit der Geburtstagstorte: für eine Feier hatten griechische und türkische Militärbeobachter gemeinsam eine Torte gebacken - verziert mit griechischen und türkischen Flaggen... Bei vielen Ländern ist es übrigens eine Ehre und Belohnung , wenn man für einen UN-Einsatz ausgewählt wurde, es gibt Quoten. Man wird allerdings gnadenlos wieder zurückgeschickt, wenn man das nicht bringt, was für den Job verlangt wird und selbst das gestaltet sich manchmal als schwierig. Bei UNOMIG zum Beispiel war das Miniumum sehr gutes Englisch und Autofahren. Beides wurde vor Ort überprüft und es gab - natürlich nicht aus DEU, Leute, die das nicht drauf hatten. Z.B. "Autofahren" abzuverlangen, war für einige Nationen schon gewühnungsbedürftig, weil es das Image von niederer Arbeit hatte und weil sie seit Erreichen des Dienstgrades "Leutnant" Anspruch auf einen Fahrer hatten. Ich "durfte" einem Fahrlehrer aus Ghana beweisen, daß ich auch nach links einparken kann. War ihm so eingefallen...
Und es gibt eine Quote: ist Euch mal aufgefallen, daß die Chinesen immer von "unser Blauhelmsoldat" geredet haben? Ich hoffe, Euch mit den kurzen Erörterungen gezeigt zu habe, daß das alles sehr klein-klein und sehr sensibel ist. Ich bin überzeugt, daß da natürlich auch Mist passiert, aber es wird doch unter großen Mühen sehr gute Arbeit geleistet.
Und als Letztes: die USA zahlen seit Jahren nicht das, was sie mal zugesagt haben.
Gregor Keuschnig - 27. Jul, 11:39

Inkonsequent

Die USA bzw. deren neokonservative Denker halten die UN für ineffizient; ich hatte bei meiner Fukuyama-Besprechung hierauf rekurriert. Alternativen haben sie nicht oder kaum anzubieten; sie hängen (natürlich) am Nationalstaatsprinzip. Fukuyama schwebt eine Art Bismarckscher Bündnispolitik vor - wohin das geführt hat, dürfte bekannt sein.

Ein bisschen erinnert mich diese Vorgehensweise an antidemokratische Ressentiments gegenüber dem Parlamentarismus: Die Vokabeln sind ähnlich ("Schwatzbude"), die Vorwürfe auch (ineffizient - wie effizient war denn der Irak-Krieg?). Und man zahlt natürlich nicht das, was man zusagt - beansprucht aber nach wie vor Vetomacht-Rechte, die man auch leidlich ausnutzt.

Die UN ist zu schwach, weil die entscheidenden Mächte (nicht nur die USA) sie als schwach haben wollen. Sie verzichten aber nicht etwa auf eine Mitwirkung, sondern tragen dazu bei, dass es bei der Schwäche bleibt. Und noch einmal: Ein Völkerrecht, welches folgenlos übergangen werden kann, ist selbstverständlich ineffizient. Aber wenn ausgerechnet die Leute mangelnde Effizienz konstatieren, die dazu selber beitragen, ist das geheuchelt.

Wenn ich weiss, dass ich bei meinem Nachbarn jederzeit einbrechen darf, weil bei Gericht, wo dies verhandelt wird, immer einer sitzt, der mit einem Veto meine Verurteilung verhindern wird, dann werde ich natürlich einbrechen - immer dann, wenn ich das Gefühl habe, ich bin benachteiligt.
bigberta - 27. Jul, 11:48

Bravo!!! Das wäre in Marmor zu meisseln,Gregor Keuschnig

Ein bisschen erinnert mich diese Vorgehensweise an antidemokratische Ressentiments gegenüber dem Parlamentarismus: Die Vokabeln sind ähnlich ("Schwatzbude"), die Vorwürfe auch (ineffizient - wie effizient war denn der Irak-Krieg?). Und man zahlt natürlich nicht das, was man zusagt - beansprucht aber nach wie vor Vetomacht-Rechte, die man auch leidlich ausnutzt.
Die UN ist zu schwach, weil die entscheidenden Mächte (nicht nur die USA) sie als schwach haben wollen. Sie verzichten aber nicht etwa auf eine Mitwirkung, sondern tragen dazu bei, dass es bei der Schwäche bleibt.

Und was Sie über "Schwatzbuden" schreiben: man braucht sich bloß mal anzusehen, wie der Völkerbund kaputtgegangen ist...
Carlawenigeristmehr - 27. Jul, 13:15

Parlament

Erst mal einen wunderschönen Tag

Liebe Big Berta ,

Deine Ausführungen sind keinesfalls zu ausschweifend, sondern im Gegenteil, sie geben Einblicke in eine Welt, die die nicht unmittelbar Beteiligten nicht kenne und sich auch nicht vorstellen können.

ich lese viel lieber etwas aus dem persönlichen Erfahrungsschatz, als das hundertste Wiederkauen ein und derselben Schlagworte und nur aus dem persönlichen Erfahrungsschatz kann das Wirken der UNO beurteilt werden und nicht in abstrakten akademischen übungen. So seh ich eben auch der von mir angesprochene Lesetipp, ich habe es selbst bisher auch noch nicht gelesen.

Vielelicht habe ich eine zu hehre Vorstellung von Menschen, die sich Bücher kaufen undauch wirklich lesen, aber ich bin der Meinung, das derjenige, der diesen Schritt wagt, sich mit einem Buch für ein paar Stunden zu beschäftigen auch das Abstraktionsvermögen mitbringt, dass es sich hierbei um nicht um allgemeingültige Aussagen handelt, sondern um subjektive Einschätzungen. Selbt wen eine manipulative Absicht dahintersteckt, sollte die nicht wirken können. jedes buch ist ein beitrag zu einer pluralen Gesellschaft, auch wenn man die Meinung des Autoren für widerwärtig hält. Allerdings ist man lediglich in einer pluralen gesellschaft dazu in der Lage, das auch öffentlich zu äußern, woanders verschwindet man ganz schnell im Loch. deswegn wehre ich mich auch massiv gegen virtuelle Bücherverbrennungen;-)


Auch wenn es vielleicht nicht so herausgekommen ist ist, ich halte sehr viel von der UNO als Institution und auch ihren Zielsetzungen.
Punkt.aber;-)

allerdings sehe ich auch die begrenzte Handlungsfähigkleit, die sich aus vielen Faktoren speist, wobei man nicht nur in Richtung USA zu schielen braucht (ist ja schrecklich, diese US-Fixierung), sondern jeder in der UNO vertretene Staat sich an der eigenen Nase zu packen hat. Ich bin davon überzeugt, das die Fälle des segenreichens Wirkens der UNO eben die Fälle sind, die nicht offen sichtbar sind, die Vermeidung von Konflikten und Katastrophen im Vorfeld.

Auch wenn Schwatzbude ein vorbelasteter Begriff ist(übrigens hat Appeasement-Chamberlain den Begriff geprägt), sehe ich nichts negatives darin, wenn es einen Ort gibt, in dem alle beteiligten und Unbeteiligten ihre Meinung Kundtun können. Solange die Waffen schweigen, weil geredet wird, soll mir das Schwatzen recht ein.

Allerdings sollte man die UNo nicht mit einem Parlament verwechseln, auch nicht die Vollversammlung, sondern es ist ein Treffpunkt von 192 Ländern, die dort knallhart ihre Interessen vertreten, wobei die Meinungsbildung je nach demokratischen Zustand mehr oder minder in dem jeweiligen Land getroffen wird .
Es ist also ein bunter Mix aus Demokratien, Diktaturen, Monarchien.

ich halte es für grob fahrläsig, wenn der Eindruck entsteht, das es in der UNO eine demokratischen Meinungsbildungsprozess gibt, der auch noch eine völkerrechtliche Auswirkung hat.

Die viel zitierten Abstimmungen der Vollversammlung sind eine Farce, die Musik spielt tatsächlich im Weltsicherheitsrat und es sind nicht nur die USA, sondern alle dort vertretenen Länder , die diesen zu ihrem Vorteil nutzen wollen.

Aus meiner Sicht sind Krieg, die mit Zustimmung des Weltsicherheitsrat geführt werden nicht völkerrechtskonformer als die ohne diese Zustimmung, sondern geben nur wieder, dass sich alle einig waren. Das geht auch nur wenn keine eigenen Interesen betroffen sind. Die Diskussion über die völkerechtswidrigkeit von Kriegen ist eben müßig und ausschließlich für die Galerie, viel wichtiger ist es, wie man da wieder raus kommt.

Die UNO muss also in einen Zustand gesetzt werden, dass sie tatsächlich handlungsfähig ist und sich zum Beispiel nicht die Aufrüstung von Milizen seelenruhig anschauen und dann völlig betroffen sein, wenn es mal rummst.

Dass es jetzt im Libanon rummst, sehe ich als ein ausschließliches Versagen eben dieser UNO und ihrer im Sytem begründeten Handlungsunfähigkeit.

Die Frage ist es , wie man es in den einzelnen Ländern politisch durchsetzt die UNO handlungsfähig zu machen und das beginnt beim Geld. Es ist ja gut und schön den USA vorzuwerfen, dass sie Schulden bei der UNO hat, aber die haben fast alle anderen auch. Wenn der Eintrag bei wikipedia seine Richtigkeit hat:

Die größten Finanzierer in den Beitragsjahren 2004-2006 sind die USA mit 22 %, Japan mit 19,5 %, Deutschland mit 8,7 %, Großbritannien mit 6,1 % und Frankreich mit 6 %. Alle anderen Länder tragen weniger als 5 % bei, etwa die Hälfte bezahlen nur den Mindestbeitrag von 0,001 %.

ist schon das Problem ersichtlich. Nur ein gnadenlos verblendeter Ideologe kann erwarten, dass eine Institution von denjenigen mit Begeisterung finanziert wird, gegen deren interessen gehandelt wird. Hier möchte ich allerdings zusätzlich anmerken, dass der UN-Haushalt sowieso ein witz ist. Der Sachschaden im Libanon nach zwei wochen übersteigt diesen lässig. Desweiteren ist es ein Witz, dass man in der UNO überhaupt über Menschenrechte spricht, wenn man davon keine einheitliche Vorstellung hat. und im Menschenrechtsrat Länder wie Saudiarabien vertreten sind.

Dann braucht man sich auch nicht zu wundern, wenn das niemand so wirklich ernst nimmt.


Die UNO gehört massiv gestärkt, aber auch mit einer zeitgemäßen Philosophie versehen.
bigberta - 27. Jul, 14:06

Liebe Carla,

erstmal wünsche ich Dir auch einen noch viel schöneren Tag! Und allen anderen natürlich auch. So viel Zeit muss sein und manchmal bin ich wirklich ein arges Trampel.
Ich bin davon überzeugt, das die Fälle des segenreichens Wirkens der UNO eben die Fälle sind, die nicht offen sichtbar sind, die Vermeidung von Konflikten und Katastrophen im Vorfeld. ich hatte das Vergnügen, bei diesen http://tinyurl.com/gemna Auseinandersetzungen vor Ort zu sein, nämlich in Abchasien. Daher habe ich übrigens auch meinen Spitznamen, BigBerta, was eigentlich "Dora" heißen müsste, wie dieses http://www.hpwt.de/2Weltkrieg/Dora.htm Geschütz. Da sich aber im Russischen auf "D" kein passender Stabreim bilden lässt, war ich eben bolshaya berte, und was die ex-sowjetischen Kämpfer wollten damit zum Ausdruck bringen. sie kommt und jeder "hört mit dem Scheiß auf". Einen kurzen Überblick über das, was das "German Medical Team" da gemacht hat, kannst Du Dir hier: http://bigberta.twoday.net/files/bigbertaun verschaffen, da wird dann klarer, was bolshaya berte im Kaukasus getrieben hat.Das Orignal der Urkunde befindet sich jetzt im Militärmuseum in DD.

Bevor ich jetzt mal abdüse und eine Freundin abdüse noch eines: die von Dir erwähnten Zahlen betr. Knete stimmen. Bloß: Deutschland hat das Geld auch tatsächlich in voller Höhe gezahlt, die USA nicht.
CU
BB
Carlawenigeristmehr - 26. Jul, 19:06

Dann halt die Kurzfassung

nachdem ich meine längeren Beitrag inrgendwo ins Datennirwana versemmelt habe.

Mich interessiert an diesem Konflikt weder Völkerrecht noch Opfer noch Geschichte noch Vorgeschichte, sondern lediglich das Ergebnis und das darf nicht anders lauten, wie die völlige Entwaffnung der Hizbollah und zwar bis zum letzten Küchenmesser und wer sich diesem Ergebnis in den Weg stellt, ist selbst schuld, wenn er morgen fehlt.

DI UN hat diese Entwaffnung vermasselt, da soll sich Annan auch nicht so künstlich aufregen, wenn auch UN-Beobachter fehlen. Die sind in einem Kampfgebiet sowieso so unnötig wie ein kropf , wenn sie schon Friedenszeiten nchts taugen.

An die Polizei geht die Bitte bei der Nächsten pro-Hizbollah-Demonstration auf die Einhaltung des Vermummungsverbotes zu achten.

Die Welt hat die Riesenchance sich den islamischen Revolutionsmythos zu entsorgen.

bigberta - 26. Jul, 19:28

Och, versemmelt?

Mit der Entwaffnung stimme ich Dir ja zu, mit dem "mich interessiert" kann ich Dir leider nicht zustimmen. Über den aktuellen Wert von Geschichte ließe ich ja noch mit mir diskutieren, wenn's denn nicht einseitig wird, über Völkerrecht können wir zwei nicht diskutieren, denn da gibt es facts, an denen niemand vorbeikommt. Ich bin gerade dabei, einen längeren Text zu stricken, aber ich weiß nicht, ob ich den heute noch zuende kriege. Soll ja ordentlich werden, nicht wahr?
Naja, und als ehemaliger MIltärbeobachter sehe ich den Sinn der Missionen natürlich auch etwas differenzierter. ;-))
Fensehtipp für heute: entweder Anna Netrebko, oder Zaharoff auf Arte.
LG
BB
Köppnick - 29. Jul, 16:21

Beispiele?

Bitte nennen Sie mir ein Beispiel, wo eine nichtstaatliche Widerstandsorganisation / Terrorgruppe durch einen Krieg beseitigt wurde. Ich kenne keins. Der Nahe Osten ist im Gegenteil ein Beweis dafür, dass jeder Krieg, jedes Besatzerregime neue derartige Organisationen gebiert.

In Europa hingegen gibt es mehrere Beispiele, wo sich derartige Organisationen selbst aufgelöst haben oder auflösen, wenn ihnen die Begründung ihrer Existenz durch die Änderung des gesellschaftlichen Umfelds ausgegangen sind oder ausgehen: RAF, IRA & Co.

Der Islamismus ist kein "Revolutionsmythos", sondern der Ausweis dessen, dass viele Menschen auf der Welt offenbar nicht vom westlichen Lebensstil profitieren sondern benachteiligt wurden. Und in ihrer Suche sowohl nach einem Grund als auch nach einem Ausweg den augenfälligsten Unterschied zwischen Orient und Okzident gefunden haben, den Islam, und diesen jetzt für sich instrumentalisiert und verfälscht haben.
bigberta - 29. Jul, 17:42

@ Köppnick:

100% Zustimmung.
Carlawenigeristmehr - 29. Jul, 19:32

Vom "Widerstand"

Die Hizbollah ist keine Widerstandsgruppe, sondern eine Partemiliz und zwar die Miliz einer Partei, die im Libanon an der Regierung beteiligt ist. Ihre Funktion als Widerstand war mit dem Abzug von Israel aus dem Libanon beendet. Aus libanesischer Sicht gab es damit nichts mehr zum Widerstehen, sondern etwas neues zu beginnen.

Fällt jemand einen grund ein, der gegen eine Integration der Hizbollah in das libanesische heer gesprochen hätte außer dem Parteiegoismus und dem interesse der Iraner Führung?

So richtig groß schien aber das interese des Libanon und vor allem der UNO nicht gewesen zu sein, denn außer der Resolution 1559, die genau dieses vorsieht, ist nichts geschehen.


Es handelte sich also genau um die Situation, die Sie in ihrem zweiten Absatz ansprachen.

In Europa hingegen gibt es mehrere Beispiele, wo sich derartige Organisationen selbst aufgelöst haben oder auflösen, wenn ihnen die Begründung ihrer Existenz durch die Änderung des gesellschaftlichen Umfelds ausgegangen sind oder ausgehen: RAF, IRA & Co.

De Hizbollah hat allerdings gegenteilig gehandelt, sondern die Ruhepause genutzt um massiv aufzurücten und zwar nicht in einer Form, die einem Widerstand dienlich ist, sondern einem Angriff.
Und genau dieses hat die Hizbollah dann auch getan und hat eine zweite Front an einer unstrittigen Grenze eröffnet.

Zum Revolutionsmythos: ich liebe die Pflege von Legenden und eine der großen Legenden ist die vom Islamismus und der Armut. Weder Saudiarabien noch Iran, welche als die Hauptimpulsgeber des Islamismus anzusehen sind, sind arm, sondern sie verfügen über nahezu unerschöpfliche Geldquellen. Desweiteren sehe ich im Islam überhaupt keine augenfälligen Unterschied zwischen Orient und Okzident, sondern in der islamischen Ideologie oder Ideologien, die eben diesen Unterschied machen will. Etwas Namedropping gefällig: Qutb, Mawdudi, Schariati und Khomenei.

Ich lege äußersten wert darauf, das es sich hier um eine politische Ideologie einer "Islamic Supremacy" handelt. Es solte jeder muslim für sich entscheiden ob die zum Islam gehört oder nicht. Ich las heidn bin da außen vor, biite mir aber das Recht aus, diese Form einer ideologie neben Nationalsozialismus, Faschsmus und Stalinismus zu stellen. Sowohl Qutb als auch Mawdudi waren von Mussolini recht angetan und es wurde sich dabei auch großräumig bedient. Wie die anderen ideologien hat auch diese ideologie eine Erfolgsstory aufzuweisen, da sie recht einfach gestrickt ist.

Und so bewerte ich auch den "Widerstand" der Hizbollah. Für jemand der einfach gestrickt ist und auf die Schwarz-Weiß Malerei der Islamisten hereingefallen ist, ist das tätsählich Widerstand. Für mich ist es wegen der geringen Erfolgschance nihilistisch und destruktiv , zumal die dahinterstende Ideologie so reaktionär ist, das es einem das Gruseln kommt.
bigberta - 29. Jul, 21:05

Hallo, Carla, erstmal:

ich stricke jetzt gerade an einem längeren Beitrag, deswegen hier nur kurz: es geht mir - und ich bin sicher, auch Köppnick und Gregor Keuschnig nicht darum, die Hezbollah in irgendeiner Form "aufzuwerten, reinzuwaschen" oder sonst was.
Desweiteren sehe ich im Islam überhaupt keine augenfälligen Unterschied zwischen Orient und Okzident, sondern in der islamischen Ideologie oder Ideologien, die eben diesen Unterschied machen will.
D'accord. Hast Du mitbekommen, wer sich im Libanon mit der Hezbollah bekumpelt?

Meine Frage an Dich wäre: wie soll man denn des Problems Herr werden? Man muß einen Krieg nicht nur militärisch gewinnen, sondern auch politisch: Was im Falle der IDF hieße: ohne Hilfe von außen, weil sonst der Mythos vom "Weltjudentum"... na, Du weißt schon. Und man müßte auch bereit sein, alles zu übernehmen, was die Hisbollah an sozialen Aktivitäten bislang erledigt, und: wenn sie die Familie eines Selbstmordattentäters mit, sagen wir, 10.000 $ subventioniert, dann muß aus Israel das bessere Angebot kommen.
Und es ist immer die Überlegung, was denn eine Miliz zu so einem Machtfaktor gemacht hat. 1982 - das habe ich von Uri Avneri, der das ja miterlebt hat, sämtlichen Schiiten mit Blumen empfangen worden. Was ist denn da schief gelaufen? Es gab 1982 eine Gruppe, die sich voll und ganz Israel angeschlossen hat, die - christliche - südlibanesische Armee. Die hat Israel damals hängengelassen. Keine moitivierende Angelegenheit. - Aber der Libanon ist nicht nur Hizbollah, sondern auch die jungen Leute, deren blogs ich hier verlinkt habe. Erfolgschancen der Hisbollah: mißt man den am Wohle des Libanon: null, mißt man ihn am Machtzuwachs: täglich besser. Leider.

Es geht mir nicht darum, hier die Hezbollah zu verteidigen oder zu verherrlichen. Man muß bloß jede Sache auch von ihrem Ergebnis her betrachten.
LG
BB
Köppnick - 30. Jul, 01:09

@Carla

Im Fall der RAF bzw. IRA hat der Prozess 30-40 Jahre gedauert, in denen diese Organisationen den eh schon geringen Rückhalt in der Bevölkerung völlig verloren haben. Im Fall von PLO, Hamas und Hisbollah handelt es sich um Organisationen, die über großen Rückhalt in Teilen der Bevölkerung verfügen, staatliche, gesellschaftliche und soziale Funktionen erfüllen, die von anderer Seite nicht wahrgenommen werden. Deshalb rücken bei ihrer Zerschlagung automatisch andere Organisationen nach. Israel hat es seit seiner Existenz nicht verstanden, Konzepte zu entwickeln, die die eigene Prosperität mit der seiner Nachbarn verbindet. Ich behaupte nicht, dass das besonders leicht wäre. Aber Israel hat von Anfang an auf militärische Stärke gesetzt und wird deshalb - zwangsläufig - auch mit militärischen Mitteln bekämpft.

Politischer Widerstand wird niemals von den Underdogs durchgeführt, sondern immer mindestens von einer gesellschaftlichen Elite geführt, die sich aus Leuten rekrutiert, die aufgrund ihrer intellektuellen Fähigkeiten für sich ein angenehmes Leben führen könnten, egal ob sie Robbespiere, Marx, Lenin, Che oder Osama Ibn Laden heißen, sich aber für einen persönlich viel schwierigeren Weg entscheiden, weil sie die, wenigstens von ihnen so empfundene Ungerechtigkeit nicht ertragen können. Da ihnen an ihrem materiellen Wohlergehen und häufig auch an ihrem Leben nichts liegt, kann man sie auch nicht mit der Androhung ihrer physischen Vernichtung treffen. Man muss entweder ihre intellektuellen Denkfehler entlarven - oder die tatsächlichen Ungerechtigkeiten gemeinsam mit ihnen bekämpfen.
bigberta - 30. Jul, 02:47

@ Köppnick: eines darf ich hier ergänzen, was mich doch bewegt: das ist die Frage,

was sie denn motiviert. Wo hier von RAF gesprochen wird, fällt mir bei den von Ihnen erwähnten Personen immer Gudrun Ensslin ein. Ich bastle noch an einem Beitrag, in dem ihre Rede im Frankfurter Kaufhausbrandprozess eine Rolle spielen wird: es geht mir dabei um die Frage der persönlichen Bedürftigkeit, die solche Protagonisten bewegt. Leider habe ich bislang das Original-Tondokument nicht finden können, sondern nur die Stelle, die ich meine, nachgesprochen. Unabhängig vom Inhalt können Sie dort hören, daß die Stimme immer schriller, die Rede immer atemloser wird. Diese Rede wurde seinerzeit sowohl von Pfarrer Ensslin als auch von der Öffentlichkeit dahingehend interpretiert, daß sie sich wohl immer noch in einer Phase der Abrechnung mit ihrem Vater befände und er hat das seinerzeit so beantwortet, daß er sich verbitte, von ihr in dieser Weise gemahnt zu werden. Und OBL muß wohl mit seinem gesamten Islamismus, abgesehen von den "philosophischen" Begründungen, zu denen ich hier: http://bigberta.twoday.net/stories/1821464/ was geschrieben habe, ein zutiefst persönliches Bedürfnis gehabt haben: in diesem http://tinyurl.com/pe9gd Buch wird beschrieben, daß man für die Rolle der Gallionsfigur in Afghanistan zuerst auf irgendeinen Saudi-Prinzen gehofft habe. Aber von denen war keiner dazu bereit. Und irgendwo anders habe ich gelesen, daß er in der Hierarchie der Söhne ziemlich weit unten gestanden hätte (in polygamen Familien bestimmt der "Rang" der Mutter den Rang des Sohnes) und das seine Art gewesen sei, sich zu profilieren. Seine Mutter sei eine syrische (nach anderen Quellen palästinensische oder libanesische (!) "Schönheitskönigin" gewesen. Man kann also aus Bedürftigkeit zum Tribun oder Führer werden. Dies nur als Ergänzung. Was die Hezbollah betrifft, habe ich im MM-blog ja schon einen Artikel verlinkt, und zwar diesen hier: "A rare look..." http://www.beirutlive.blogspot.com/ Dort lesen Sie, daß die schon als Kinder gedrillt werden...
Köppnick - 30. Jul, 09:33

@bigberta

Man _muss_ im persönlichen Leben der Extremisten stets auch sehr persönliche Motive finden, denn eine extreme Abweichung im Verhalten gegenüber dem Durchschnitt ihrer Klasse oder Schicht muss ja eine Ursache haben. In der Kindheit oder Jugend erlebte persönliche Demütigungen (in der Familie oder Schule) könnten zum Beispiel dazu führen, dass Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft stärker empfunden werden und ihre Bekämpfung zu einer persönlichen Sache wird. Haben die in der Jugend durchlebten Dinge die Persönlichkeit selbst ge/zerstört, dann kann man in der Vertretung der späteren Interessen auch mit soziopathischem Verhalten rechnen.

Drill von Kindern: Wenn ganze Generationen manipuliert werden, dann bedeutet das, dass die Rückkehr zur "Normalität" (was ist das überhaupt?) mehrere Generationen dauern wird. Schnelle Lösungen ala Krieg funktionieren nicht, und die heute Lebenden werden in den nächsten Jahrzehnten nur wenige Verbesserungen empfinden. Man kommt sicher nicht umhin, den extremsten Vertretern auch mit Gewalt entgegenzutreten, aber man muss dabei sehr aufpassen, nicht selbst neue Märtyrer(generationen) zu erzeugen.
Köppnick - 29. Jul, 16:08

Übersicht? Zwischenergebnisse:

Nach dem bisherigen Kriegsverlauf kann man ja schon mal eine Zwischenbilanz aufstellen: Außer ein paar hundert toter Zivilisten ist die Zustimmung der Libanesen zur Hisbollah um 29% gestiegen, das amerikanische Außenministerium verwahrt sich gegen die Interpretation seiner Aussagen durch den israelischen Kriegsminister, Al Kaida entdeckt den Libanon als neues Operationsfeld, weil der Zerfall staatlicher Ordnung ihnen das Handwerk erleichtert, Iran schweigt lautstark, Syrien bereitet sich auf den Krieg vor und die Weltgemeinschaft soll sowohl eine Pufferzone im Libanon als auch die Zerstörungen der dortigen Infrastruktur bezahlen. Mehr tote Israeli je Tag als vor dem Krieg gibt es auch.

bigberta - 29. Jul, 17:38

Genau das ist es, was ich die ganze Zeit zum Ausdruck bringen will,

bei Side Effects habe ich dazu folgendes geschrieben:

Das ist es ja, was ich meinte.
Ich füge noch hinzu: ein miltärischer Sieg der Hezbollah macht sie stärker als je zuvor: Und -präferiert man die militärische Lösung, so ist alles, was nicht die vollständige Entwaffnung der Hezbollah durch Israel ohne Hilfe von außen sowie die Wegnahme ihrer Sozialeinrichtung ist, in den Augen der Menschen im Libanon eben ein solcher Sieg. Und das ist gut beschrieben: sollte obiger Sieg wirklich gelingen - was zu bezweifeln ist - , ohne die Herzen der Menschen im Libanon zu gewinnen, wäre er wertlos. Dann gibt es die nächste Miliz. Vielleicht interessiert jemanden, was eben diese Menschen denken? Und daß man beim Radikalisieren zusehen kann?
Dazu hatte ich zwei libanesische blogs von meiner blogroll verlinkt. Darauf kam dann diese Antwort:

Das alles ist viel
komplizierter, als dass ein paar Links zu Radikalen es erklären könnten. Vielen Leuten ist es schleierhaft, wie das bunte Leben und Treiben, die wöchentlichen Parties, der Markt - in gewissen Teilen Beiruts trotz Krieg andauern kann.
Von wegen Herzen gewinnen - hast du auch schon einen Gedanken an all die Geschundenen auf der andern Seite der Demarkationslinie gedacht? -
Jetzt über einen Kriegsausgang zu spekulieren ist... du weisst schon.

Was lernt uns das? Jeder, der zur Mäßigung mahnt, und versucht, die Konsequenzen zuende zu denken, "spekuliert", hat einen geistigen Hisbollah-Turban auf dem Kopf, und darunter den Wehrmachtshelm von Darth Vader.
Köppnick - 30. Jul, 01:20

@bigberta

Auf Side Effects werde ich keine politischen Diskussionen mehr führen. Vom dortigen Blogbesitzer bin ich mehrfach persönlich angegriffen worden. Er beherrscht elementare Regeln des politischen Diskurses nicht, ich habe ihn mehrfach darauf hingewiesen, es war jedesmal vergeblich.

Zum Vergleich ein positives Beispiel: Ein Krieg, den zu kommentieren mir nicht zusteht.
bigberta - 30. Jul, 01:31

Seit mein Bemühen, mich gegen die diffamierenden Behauptungen,

ich sei Parteigänger der Hezbollah, zu verteidigen, dort gelöscht worden ist, mache ich mir auch so meine Gedanken. Harte Diskussionen, ja, kritisches Nachbohren, ja, aber persönliche Diffamierungen: nein.
Es ist sehr simpel, dann immer mit der Antisemitismuskeule zu kommen, wesentlich mehr Pfeile sind ja nicht im Köcher. Jeder, der sich das auf dem blog anguckt, kann sich selber sein Bild machen. Hat mich in dieser Form überrascht, aber man lernt ja nie aus.
Köppnick - 30. Jul, 09:46

@bigberta

Ich möchte hier nicht weiter über Abwesende urteilen, deshalb nur eine kleine Beobachtung: Die große Zahl von Blogeinträgen im Verhältnis zur geringen Anzahl der Kommentare darauf spricht dafür, dass andere Leute ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Viel gelesen wird dieser Blog ja sicherlich.
bigberta - 30. Jul, 12:02

Das soll es denn in dieser Angelegenheit

- auch für mich - gewesen sein.

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