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Update: Jostein Gaarder oder die Entgrenzung der Debatte

update: bei Beirut Live hat ein israelischer User gebeten, diesen link weiterzuverbreiten:
Haaretz: Nach dem Krieg um fünf. Ich halte das für einen Beitrag, der hier hin passt, auch wenn er JG nicht direkt thematisiert, zumal die dort verlinkten Artikel auch ganz vielversprechend zu sein scheinen.

************************************************************************************

Daß es jetzt wieder "Norwegen" ist, ist reiner Zufall. Nehmt den Ländernamen metaphorisch, wie das "Andorra" des Max Frisch. Aber das neueste zum Thema "Antisemitismus" kommt jetzt wieder aus Norwegen: Jostein Gaarder entzieht Israel seine Anerkennung. Aus dem hier verlinkten blog entnehme ich die Kurzfassung, schlage aber vor, das komplette Posting dort zu lesen:

Zunächst: Natürlich verneigt sich Gaarder vor den Opfern der Verbrechen des Holocaust und der Judenverfolgung, und trotz seiner Radikalität durchsetzt Gaarder seinen Text mit den selbstverständlichen Verurteilungen von Terrorangriffen auf Zivilisten (durch Hisbollah), aber - fügt im gleichen Satz israelischen Staats-Terror hinzu. Er verurteilt die Entführung von Soldaten durch Hisbollah und Hamas, aber - er stellt ihr sofort die Entführung palästinensischer Abgeordneter und Minister gegenüber.
Vor allem jedoch: Er anerkennt das völkerrechtlich bestätigte Israel von 1948, aber - nicht das, was seitdem (aus seiner Sicht) daraus geworden ist, das Israel der Annexionen, das Israel, das der UN-Resolutionen und der Beschlüsse des Internationalen Gerichtshofs spottet, und das deshalb auch nicht hinter UN-Resolutionen Schutz zu suchen hätte. Er identifiziert den Staat Israel mit jenem radikalen religiös oder rassistisch fundierten Zionismus, der als rechter Mainstream die Regierung stellt, den Ausbau von Siedlungen vorantreibt und erbarmungslos Krieg führt. Diese Identifikation ist vermutlich die problematischste im Text. Ist es legitim, die radikalen religiösen und rassistischen Bevölkerungsteile Israels mit Israel zu identifizieren? Ist es illegitim, wenn doch diese Bevölkerungsteile die Politik des Staates Israel wesentlich zu bestimmen scheinen? Oder legitimieren gerade die jüdische und israelische Geschichte einen militanten Zionismus, der zur ethnischen und politischen Neuordnung des Nahen Ostens um der Existenz des jüdischen Staates willen gezwungen ist?


Über solche Texte kann man nichts schreiben, und sich dabei selber außen vor lassen. Wie "stehe ich also zu Israel?" Nun, eigene Erfahrungen fangen in der Familie an. Was habe ich vorzuweisen, kann ich zu meiner Entlastung vorbringen, hat sich doch so manche/R in Kleinbloggersdorf schon darauf festgelegt, ich sei eine Antisemitin, schon quasi per muslimischem Bekenntnis, qua Forderung, die libanesische Hezbollah differenziert zu sehen.
Es ermangelt mir am notorischen "Friends-of-Israel-Button, es ermangelt mir an der Bereitschaft, das Titelbild des Stern von letzter Woche

stern_israel_bashing

ohne Betrachtung sämtlicher zum Thema gehörigen Artikel als antisemitisch zu brandmarken.

Und jetzt der Text von Jostein Gaarder...

Dazu muß ich zunächst bemerken, daß mein Verhältnis zu Israel aus wenigen schlichten Punkten speist:
  1. Meine Familie stand fast ausnahmslos dem katholischen Zentrum nahe, der Partei Konrad Adenauers. Was das bedeutete, kann man in der Biographie Adenauers, jene Jahre betreffend, nachlesen.
  2. Meine Verwandten in den Niederlanden engagierten sich gegen die Judenverfolgung - vor dem 8. Mai 1945.
  3. Mein Vater wandte sich aus Liebe zu einem "slawischen Untermenschen" gegen den Rassenwahn. Als Oberfeldwebel der Wehrmacht, ebenfalls vor dem 8. Mai 1945.
Was mich persönlich betrifft: mein Israel-Bild wurde geprägt von
  1. Den jüdischen Freunden meiner Familie,
  2. von jüdischen Klassenkameradinnen und Kommilitonen,
  3. von dem Wort von Henryk Broder, daß für Juden der Staat Israel ein Ort sei, an den sie vor Verfolgung flüchten könnten, wenn sie denn wollten - ob jeder einzelne von ihnen wolle, sei dem gegenüber zweitrangig,
  4. von der Bemerkung des Sohnes zweier Schindler-Juden, Dr. jur Michel Friedman auf die Frage, warum er vor dem Jura-Studium zunächst Medizin studiert habe: auf Wunsch seines Vaters, denn "die Ärzte bringen sie als letzte um..." Der Plauderton, in dem Friedman das im Interview kundtat, ließ nur erahnen, wieviel Leid dahintersteckt/e, zu so einer Erkenntnis zu kommen. und wieviel Leid auch Michel Friedman wohl noch tragen musste.
Ich fühlte mich und fühle mich noch verbunden den Beiträgen von Juden nicht nur zu Deutschlands Kultur und Geistesgeschichte, ich habe mich beeindrucken lassen durch Maimonides und die Bibelübersetzung von Buber und Rosenzweig (link zu amazon hinter dem Bild):
3579025902-03-_SCMZZZZZZZ_

Mich hat das neue Zentrum Judaicum bewegt und die Stimme von Oberkantor Estrongo Nachama (auf das Bild klicken).
nachama

Der Staat Israel und die Soldarität zu ihm waren für mich immer genauso selbstverständlich, gehört doch die besondere Verantwortung gegenüber Israel zu den Gründungsgewissheiten unserer Demokratie. Und was Herr Schoeps hier behauptet, ist aus meiner Sicht schlicht nicht wahr. Mit zweierlei Maß wird aus meiner Sicht zu Ungunsten der Palästinenser und Libanesen gemessen. Und zweierlei Maß empfinde ich als Muslimin immer dann, wenn zwar klar ist, wie auch einer der Kommentatoren auf dem "Kulturtechnik-"Blog anführt, daß man die Juden als Religionsgemeinschaft und auch jeden einzelnen Juden nicht für die Politik Israels zur Rechenschaft ziehen kann, es aber als selbstverständlich gilt, daß sich Muslime gleich zu rechtfertigen haben für alle Mißstände der islamischen Welt.

Jetzt fängt es für mich allerdings an schwierig zu werden: seit einiger Zeit wabert, zusammen mit Anti-islamischen Tendenzen eine schmierige Israel-Huberei durchs Netz, vor der mich graust. Die wehenden Israel-Flaggen, die Friends-of-Israel-Buttons, die Behauptung, Israel sei jetzt aktuell besonders gefährdet, was jeden gleich schon wieder als Antisemiten denunziert, der hier dazu mahnt, sich das Gebrüll eines Ahmadinedjad mal aus der Nähe und in Ruhe anzusehen. Gibt es doch in Teheran 17 Synagogen, und - ich habe es schon mal hier gepostet - auch der Warschauer Pakt wollte zum letzten Mal den Westen im Jahr 1987 überrennen - die Reste der Vorbereitungen sind noch heute im Militärhistorischen Museum in Dresden zu besichtigen. Auch dies wurde bereits als Antisemitismus denunziert. - Die Frage erhebt sich, warum, und da hinein platzt Gaarders Text. Das, was auf Kulturtechnik dazu gesagt wurde, umfasst schon das Wesentliche, doch aus meiner Sicht bleibt noch eine Frag übrig: warum werden solche Texte diskutiert, und nicht die Texte der israelische Friedensbewegung?

Warum phantasiert die eine und die andere Seite denn monolithische Blöcke? Wer braucht das? Wer braucht das für das eigene Ego? Sprechen wir hier überhaupt über das reale Israel?

Daß Israel viel differenzierter ist, sieht man auch hier:
israel_at_odds_with_itself (pdf, 700 KB)

In diesem Bericht beschreibt der US-Nachrichtendienst "Stratfor", daß es mittlerweile in der israelischen Regierung zwei Richtungen bezüglich der Annahme der aktuellen UN-Resolution, insbesondere in Hinblick auf die Einsatzbefehle der Armee, zwei Richtungen gibt, die sich sogar in der Öffentlichkeit befehden: die eine sage, man könne die Hisbollah nicht besiegen, ohne hohe Verluste zu riskieren und einen Partisanenkampf heraufzubeschwören, die andere sage, einen Waffenstillstand zu akzeptieren, ohne die Hezbollah zu entwaffnen, hieße ein noch höheres Risiko einzugehen.

Das sind die unterschiedlichen Richtungen der israelischen Regierung, aber was im Himmelswillen treibt die Armchair-Strategen hier im sicheren Europa dazu, den Kampf bis zum letzten Israeli aufzunehmen? Wie war auch auf meinen Seiten zu lesen? So sinngemäß: die IDF macht das schon, die kann das sowieso am Besten?

Warum diskutiert niemand einen der Texte von Uri Avnery? (auf das
Bild klicken)
image_1033467379

Warum diskutiert niemand zum Beispiel diesen Text:

Wenn dieser Wahnsinn endlich zu Ende ist,
werden wir gemeinsam kämpfen – Israelis und Palästinenser, Syrer und Libanesen, jüdische und arabische Bürger Israels,
um gemeinsam ein normales Leben zu führen,
jeder in seinem freien Staat, Seite an Seite in FRIEDEN !



Rede von Uri Avnery, Demonstration 5.8.06 in Tel Aviv

Die schwarze Flagge der Illegalität weht über diesem Krieg.
Die schwarze Fahne der Trauer schwebt über uns allen.

Man sagt, wir wären eine Randgruppe, Außenseiter,
Und ich sage: ja wir sind Außenseiter, wie sind die Wenigen, die der kriegsdurstigen Mehrheit gegenüber stehen. Aber im nächsten Monat oder nächstes Jahr
wird jeder von uns stolz erklären: ich war hier.
Ich rief mit dazu auf, diesen verfluchten Krieg zu beenden.

Und Tausende, die uns jetzt verfluchen, werden im nächsten Monat oder nächstes Jahr dann behaupten, sie seien auch hier gewesen,
auch sie seien gegen diesen wahnsinnigen Krieg gewesen.

Hier stehe ich und im Namen der Demonstranten sage ich zu Ehud Olmert (Ministerpräsident des Staates Israel): Höre mit diesem Wahnsinn auf!
Der Krieg ist dir zu Kopf gestiegen! Du bist berauscht und vergiftet davon!
Ein Kriegs-Junky! Ein Krieg, aus dem nichts Gutes entstehen kann,
Hör mit ihm auf, bevor es zu spät ist!

Im Namen der Demonstranten sage ich zu Amir Peretz
(Verteidigungsminister des Staates Israel):
Viele, die hier stehen, haben dich gewählt.
Du hast sie belogen! Du hast sie betrogen!
Du gabst vor, ein Sozialreformer zu sein; du hast versprochen,
mehr Geld für Bildung und Wohlfahrt anstelle für die Armee auszugeben.
Jetzt bist du zuständig für Tod und Zerstörung.
Du bist zum Monster geworden. Hör auf, bevor es zu spät ist!

Im Namen der Demonstranten stehe ich hier und sage zu Hassan Nasrallah
(Chef der Hisbollah im Libanon):
Du hast eine gefährliche Provokation durchgeführt,
den Kriegstreibern hast du einen Vorwand geliefert;
du hast ihr Spiel gespielt. Lass uns jetzt aufhören!
Lass uns anfangen, zu verhandeln – Israel, Libanon und Syrien –
Gefangene austauschen,
Lasst uns aufhören, Bomben und Raketen abzufeuern.

Im Namen der Demonstranten stehe ich hier
und sage zu unseren palästinensischen Partnern:
Wir haben Euch nicht vergessen!!!
Wir wissen von den Abscheulichkeiten,
die jeden Tag in Gaza geschehen und in den anderen besetzten Gebieten.
Wir müssen zusammenarbeiten, um diesen Krieg zu beenden,
Gefangene auszutauschen, um Frieden zwischen unseren beiden Völkern zu stiften.

Im Namen der Demonstranten stehe ich hier und sage dem libanesischen Volk:
Als Israeli schäme ich mich zutiefst, für all das, was wir Euch antun,
für all die Verwüstung, die wir Euch antun, schäme ich mich abgrundtief.
Wenn dieser Wahnsinn endlich zu Ende ist,
werden wir gemeinsam kämpfen – Israelis und Palästinenser, Syrer und Libanesen, jüdische und arabische Bürger Israels,
um gemeinsam ein normales Leben zu führen,
jeder in seinem freien Staat, Seite an Seite in FRIEDEN !


oder diesen: 80 Thesen für ein neues Friedenslager.

Kann es sein, daß solche Texte wie der von Jostein Gaarder mehr mit uns als mit der realen Situation zu tun hat? Das Existenrecht Israels muß Israel sich genauso wenig verdienen, wie ein Einzelner sein Lebensrecht. Beides ist nicht und von niemand verhandelbar, es ist Axiom. Wer versucht, es zu verhandeln, überschreitet eine Grenze, die nicht überschritten werden sollte.
Und das tut Jostein Gardner, das tun die hysterischen "Friends of Israel" gleichermaßen, denn sie machen dieses Existenzrecht zur Projektionsfläche ihrer eigenen Bedürftigkeiten.
Daß Ralph Giordano da Angst und Bange wird, kann ich verstehen. Allerdings führt für mich ein gerader Wege von den Mohammed-Karikaturen hierhin: anything goes - oder doch nicht?
gruber - 12. Aug, 05:19

Die Diktatur der kleinen Männer

Die Texte von Avneri werden andernorts natürlich diskutiert. Avneri repräsentiert in Israel eine kleine Minderheit, für die Hendryk M. Broder das Konzept des "jüdischen Antisemiten" bereithält. Trotzdem gibt Avneri sein Jüdischsein die Immunität, die es braucht, damit er überhaupt in unserem Diskurs Gehör findet.
Das Interessante am Gaarder-Text ist, daß Gaarder weder Jude noch im Verdacht des Antisemitismus ist (jedenfalls bis zum Erscheinen des Texts). Hätte ein Israeli ihn geschrieben, dann hätte er kaum Aufsehen erregt - es wäre halt die Mahnung eines Angehörigen der nicht sehr starken israelischen Friedensbewegung (oder grob ausgedrückt: eines linken Spinners) gewesen. Hätte ein Araber ihn geschrieben, dann wäre der Text wegen des Verdachtes der einseitigen Parteinahme für den islamischen Fundamentalismus ignoriert worden.
Mit Gaarder schreibt aber einer aus der Mitte des europäischen Bildungsbürgertums, kein Pazifist, Burschenschaftler oder Hippie-Rabauke. Gaarders "Sophies Welt" verkörpert den naiven Glauben an das Abendland, den festen Glauben an den Fortschritt, es stellt die Philosophie dar als eine Treppe, auf der die Zivilisation von den alten Griechen bis hin zur Moderne brav eine Stufe nach der anderen erklimmt, bis sie auf dem Gipfel der zeitgenössischen westlichen Demokratie angekommen ist und die Aussicht genießt. Sophies Vater ist UN-Soldat und sichert weltweit den Frieden.
Deshalb schlägt Gaarders Text solche Wellen.

Gaarder wirft ein paar interessante Fragen auf: er weist nämlich darauf hin, daß das Existenzrecht von Staaten nicht selbstverständlich ist und in seinen Augen nicht bedingungslos sein kann, und er führt (Hitlerdeutschland vermeidend), Südafrikas Apartheid-Regime und Afghanistans Taliban an. Dieses Recht kommt nicht von Gott (weil Gott keine Kategorie ist, über die man einen rationalen Diskurs führen könnte), sondern aus Rechten, die auf einem Wertesystem beruhen. Wenn ein Staat/ein Regime diese Werte entscheidend verletzt, dann wird dessen Existenzrecht in Frage gestellt. Man kann Gaarder zustimmen oder ablehnen, aber er berührt einen wichtigen Punkt, ein Dilemma, denn wir sind uns mit derselben Sicherheit, mit der wir zum Humanismus stehen wollen, zu einer menschenrechtlich gegründeten Ethik des Umgangs der Völker, doch sicher, dass das Existenzrecht Israels indiskutabel ist.

Mir fällt auf, daß Dein Beitrag vor allem darum bemüht ist, zu begründen, daß Du keine Antisemitin bist. Nur wenn es Dir gelingt, im Nachtschrank Deiner Biographie nachzuweisen, daß Du quasi in dritter Generation im richtigen Meinungssegment stehst, darfst Du ein Argument in die Debatte werfen, einen Fakt erwähnen, ein Zitat einfügen. Wären Deine Weblinks glaubwürdiger oder zweifelhafter, wenn Dein Großvater Kommunist oder Ayatollah, Rabbi oder Nudist gewesen wäre?

Daraus, daß in Deutschland antiislamische Ressentiments keine so starke Gegenreaktion auslösen wie antisemitische, folgt doch nicht, daß Du Deine Zeit in der Blogosphäre damit verschwenden mußt, Dich dafür zu entschuldigen, Muslima zu sein. Ressentiments sind immer indiskutabel.

Die Debatten, die wir führen, dienen nicht dazu, uns selbst gegen die Widerstände lautstarker Idioten in das Fahrwasser irgendeiner anerkannten gesellschaftlichen Meinungsmitte zu rudern. Die Mehrheiten liegen überall anders und also meistens falsch. Es kommt doch nicht darauf an, wer glaubt, daß Du recht hast, sondern darauf, nach bestem Wissen und Gewissen vorwärtszugehen. Wenn die Historiker in 200 Jahren lesen, wie der kleine Pinscher Hendryk M. Broder dem alten Chomksy ans Hosenbein zu pinkeln versucht, werden sie sich vermutlich totlachen. Größe und intellektuelle Bedeutsamkeit bemessen sich nicht an Lautstärke, Wiederholungsfrequenz oder Penetranz.

In dem, was wir denken, sollten wir frei sein, klar und genau. Wir sollten uns nicht an der Meinungsdiktatur der Dummen, an den Einbahnstraßen- und Abbiegeverbotsschildern orientieren, die kleine Männer mitten auf den Feldern der Ideen aufgestellt haben, um ihre Trampelpfade zu markieren.

So, Zeit daß die Schwester mir das Valium und meinen Napoleonhut bringt. Gruß aus dem Irrenhaus.

bigberta - 12. Aug, 06:24

Erwischt, lieber Gruber, erwischt.

Zugegeben, was teilweise als Persiflage klingen sollte, der Rückgriff auf meine Familie war in Wahrheit so persiflierend dann doch wieder nicht. Ich habe versucht, in diesen Posting, zu dem auch der verlinkte Beitrag gehört, auch nachzuweisen, daß aus meiner Sicht nicht geht, lauthalts und penetrant Israel-Fähnchen zu schwenken, und dann wie verrückt auf alles muslimische enzuprügeln (kannst Du französisch? Das Interview mit der Dessau ist ganz aufschlußreich).
Wenn ein Staat/ein Regime diese Werte entscheidend verletzt, dann wird dessen Existenzrecht in Frage gestellt.
Da bin ich nach wie vor der Meinung, daß das Existenzrecht jedweder Staatlichkeit auch bei Übertretung entscheidender Werte nicht diskutabel ist und ein Staat nicht von aussen auflösbar- sonst hätte man nach dem zweiten Weltkrieg Deutschland und nach den Balkankriegen Serbien auflösen müssen und die Auflösbarkeit von Staaten wäre eine Kategorie des Völkerrechts.

Ich finde den Gaardner-Text deswegen so irritierend, er im Gewand von Literatur einherkommt, und weil ich ihn deswegen schon verdächtige, nicht so verbindlich zu sein, wie es dem Inhalt zukäme, was ihn somit für mich vergleichbar macht mit den Muhammad-Karikaturen, und auch das Zurückrudern erinnert mich an das Zurückrudern der Kariakturisten.

Ganz blöde Frage zum Verständnis: wo konkret erregt der Text denn Aufsehen? Ist es nicht doch eher das Feuilleton? Mirch irritiert der Text nicht zuletzt deswegen, weil ich mich frage, ob als Konsequenz der Debatte in der veröffentlichten Meinung dann nicht zum Schluß doch rauskommt, daß wir jetzt alle besonders lieb zu Israel sein müssen. Broder's Vorstoß mit dem Stern-Titelbild hat mich reichlich erschreckt und die Sloganizer, die solches ausspucken: wenn die Araber die Waffen niederlegen, gibt es keinen Krieg mehr, wenn Israel die Waffen niederlegt, gibt es kein Israel mehr. Von sowas - und das war die Grundaussage meines Postings - fühle ich mich erpresst. Man glaubt mir meine positive Einstellung gegenüber Israel nicht, man versucht, sie mir ins Hirn zu prügeln. Aber damit stehe ich stellvertretend für uns alle.

Übrigens sitze ich gerade mit einer Kleopatra-Perücke in einer Badewanne voller Eselsmilch und bemühe mich, auszusehen wie Elizabeth Taylor. Werde mal Marc Anton schicken, Brötchen zu holen.
PS: ich hoffe ja sehr auf Deinen Kommentar (und den von Gregor und Köppnick zum "Neuen Nahen Osten"...
gruber - 12. Aug, 15:16

Da bin ich nach wie vor der Meinung, daß das Existenzrecht jedweder Staatlichkeit auch bei Übertretung entscheidender Werte nicht diskutabel ist und ein Staat nicht von aussen auflösbar- sonst hätte man nach dem zweiten Weltkrieg Deutschland (...) auflösen müssen

Der Staat ist nicht das Volk, sondern seine Organisationsform.
Der faschistische deutsche Staat wurde komplett zerschlagen, weil er sein Existenzrecht verloren hatte. Die Nation blieb dabei erhalten, ihr Gebiet wurde jedoch zer- und verkleinert. Die Anerkennung von Staatsgrenzen ist natürlich auch daran gebunden, ob eine Nation die Grenzen der Nachbarstaaten reflektiert.


Ich finde den Gaardner-Text deswegen so irritierend, er im Gewand von Literatur einherkommt, und weil ich ihn deswegen schon verdächtige, nicht so verbindlich zu sein, wie es dem Inhalt zukäme, was ihn somit für mich vergleichbar macht mit den Muhammad-Karikaturen, und auch das Zurückrudern erinnert mich an das Zurückrudern der Kariakturisten.

Gaarder ist inhaltlich nicht zurückgerudert. Er hat nur gesagt, daß er niemanden beleidigen wollte, und vor allem die Formulierung mit den Gebotstafeln bedauert (eben wegen der Ähnlichkeit mit den Karikaturen). Natürlich ist der Text Literatur. Es ist kein Aufruf zur Auflösung Israels drin, sondern die Beschreibung seiner Abwendung.

wo konkret erregt der Text denn Aufsehen? Ist es nicht doch eher das Feuilleton?
Natürlich. Gaarder ist kein Politiker.

Broder's Vorstoß mit dem Stern-Titelbild hat mich reichlich erschreckt

Warum? Daß er das reißerische und dumme Stern-Titelbild sofort als antisemitisch einstuft, ist doch nicht überraschend. Bei ihm ist niemand vor dem Antisemitismusvorwurf sicher, der nicht seine extreme Position teilt, egal, ob der Bezichtigte mit Juden befreundet, verheiratet oder auch selbst einer ist.

Man glaubt mir meine positive Einstellung gegenüber Israel nicht, man versucht, sie mir ins Hirn zu prügeln.

Darum geht es gar nicht. Man stimmt Deinen Aussagen nicht zu, und versucht sie dadurch zu entwerten, daß man Deine Gesinnung anzweifelt. Die Gesinnung hat aber mit den Aussagen nichts zu tun (obwohl sie im Zweifelsfalle Kontext liefert). So wie die beste Gesinnung Dich nicht hindert, Schwachsinn zu verkünden, kann der verderbteste Mensch die Wahrheit sagen.
bigberta - 12. Aug, 18:38

Der Staat ist nicht das Volk, sondern seine Organisationsform..
Ja, aber worauf bezieht sich dann das "Existenzrecht"? Kann es sein, daß es hier eine bewußte Unschärfe gibt?
Er hat nur gesagt, daß er niemanden beleidigen wollte, Also, ich finde schon, daß das ein Zurückrudern ist - er hat sich doch, wie er sagt, den Text vorher gegenlesen lassen.
Darum geht es gar nicht. Man stimmt Deinen Aussagen nicht zu, und versucht sie dadurch zu entwerten, daß man Deine Gesinnung anzweifelt.

Für meine Person stimmt das sicherlich. Aber lies es mal so: man glaubt uns allen...und versucht, uns allen...
Die Gesinnung hat aber mit den Aussagen nichts zu tun
Nicht ganz. Zwar hast Du rein logisch mit dem, was Du danach geschrieben hast, recht, aber in praxi sieht das doch ein wenig anders aus. Was in jedem Fall mit der Gesinnung zu tun hat: die Art und Weise, wie die Aussagen vorgebracht werden.
gruber - 12. Aug, 19:59

Staat und Volk

Da gibt es gar keine Frage. Gaarder spricht ausdrücklich über den Staat und verurteilt nicht die Zivilisten. Ihm ist aber klar, dass das Zerfallen des Staates Leid und Vertreibung für die Zivilisten bedeuten wird. Es kann auch keine Rede davon sein, dass er das Zerfallen Israels und damit das Leid der Israelis wünscht, nur weil er es angesichts des Verhaltens des Staates prophezeit, genausowenig wie man Kassandra unterstellen kann, sie habe sich gewünscht, dass Troja zerstört wird, oder dem Ausguck auf der Titanic, er habe herbeigesehnt, dass das Schiff mit einem Eisberg kollidiert.
Gregor Keuschnig - 12. Aug, 12:21

Ja, da hat...

der Herr Gruber schon recht: Allenthalben sehen wir uns konfrontiert mit der Notwendigkeit der vorauseilenden Nivellierung dessen, was wir sagen. Es sind diese "Vorweg ist natürlich klar..."-Kategorien, die gerade im Bezug auf Israel und den Nahostkriegen die Diskussion so schwierig machen. Dem Handke hat man ja immer vorgeworfen, dass er quasi nicht in jedem Satz sein Bekenntnis zur Demokratie, zum Frieden, zu den Menschenrechten abgespult hat, sondern einfach nur mal nach Serbien gefahren ist (statt der 2.000 Betroffenheitsbesucher von Sarajevo zu sein). Auf die Idee, dies beim anderen sozusagen als Konsens vorauszusetzen kommt man dann nicht, wenn einem der Text, um den es geht (Handke, Gaarder, oder weiss Gott wen) nicht mehr inhaltlich diskutieren will, sondern per se aus ideologischen Gründen ablehnt.

Von Berufswahrheitsbesitzern wie Giordano eine solche Leistung zu verlangen, wäre vermutlich sogar unfair. Dass er seine Medienpräsenz und seinen Ruf als "moralisches Gewissen" ausnutzt, ist logisch und nicht zu kritisieren. Kritik geht dahin, diese, Giordanos Stellungnahme als ausreichend zu betrachten, und der breiten Öffentlichkeit den Text, um den es geht, vorzuenthalten. Aber von SpOn erwarte ich ja inzwischen nichts anderes mehr. Auch die anderen halten schön die Käseglocke drüber und diskutieren im Feuilleton über einen Text, den der Leser bei ihnen vergeblich sucht.

Kommentar zum anderen Beitrag folgt noch

bigberta - 12. Aug, 18:40

Dem. lieber Gregor,

habe ich nur eines hinzuzufügen: ich tue mich da bei Leuten, die wirklich in irgendeiner Form Opfer der Nazis wurden, immer etwas schwer...
guest (anonym) - 12. Aug, 22:19

Keine Verantwortung gegenüber Israel

Nur um eines klarzustellen, weil man das immer wieder in deutschen Landen liest: Deutschland hat _keine_ besondere Verantwortung gegenüber Israel (wenn, dann hätte diese England, welches auf imperialistische Weise arabisches Gebiet den Israelies geschenkt hat); Deutschland hat nur Verantwortung gegenüber den Holocaustüberlebenden. Die jüdische Bevölkerung Israels setzt sich aber großteils nicht aus Holocaustüberlebenden zusammen, sondern hat einen höchst diversen Hintergrund.
bigberta - 12. Aug, 22:33

@ guest

Nein, die Briten haben den Israelis kein arabisches Gebiet "geschenkt", sondern aus meiner Sicht erstmal Araber und Juden gegeneinander gehetzt. - Auch der Arafat-Onkel und Großmufti, der den Muslimen heute immer um die Ohren gehauen wird, hätte vor Gericht gestellt werden können - wenn die Briten denn gewollt hätten. Kennst Du die Faisal-Weitzmann Erklärung?

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Unter welchem Link kriege...
Unter welchem Link kriege ich denn die tägliche...
bar911 - 6. Mai, 20:54
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