Update: Falscher Krieg, falsche Wortwahl: Islamo-Faschismus
Heute gerate ich an einen famosen Artikel zum Thema auf dem Spiegelfechter-blog, das sich übrigens mit seinen Zugriffszahlen zurecht ganz hervorragend anlässt:
Islamo-Faschismus oder “Wer Faschist ist bestimmen wir”
Feb 23rd, 2007 by Spiegelfechter
Eine Gesellschaft, die vom Erdöl abhängig ist wie der Junkie von seiner täglichen Dosis, handelt auch ähnlich triebgesteuert. Der Fokus des Interesses ist es den nötigen Stoff zu bekommen. Gesellschaftlich ist dies indes nicht anerkannt – wird der Konsum als solcher als Krankheit gesehen, der man mit Ersatzdrogen (Methadon, Atomkraft) beikommen will, so ist die Beschaffungskriminalität der Kern des Problems, der die meisten negativen Folgen mit sich bringt.
Öl - der Saft nach dem die Welt giert
Die Begehrlichkeiten der Mächtigen im Weißen Haus sind vor allem auf eine Region konzentriert, den Nahen Osten. Hier sind die umfangreichsten Lagerstätten, die auch für die Zukunft prächtigen Nachschub versprechen. Die „gesicherten“ Erdölquellen der USA reichen alleine nicht mehr aus, die SUVs zu speisen und die Reserven verheißen alarmierendes: „Peak-Oil, das Ölzeitalter (so werden es künftige Historiker wohl bezeichnen) neigt sich dem Ende zu“. Peak-Oil hat die letzte Runde des Verteilungskampfes eingeläutet, in der neben den USA auch aufstrebende ölfressende Riesen, wie Indien und China und wiedererstarkte Energiezaren (1) beteiligen. In den Kammern der bellizistischen Beraterinstitute steht die Uhr auf 5 vor 12.
Hier geht es weiter mit dem Artikel, dessen Lektüre ich wärmstens empfehle.
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update vom 2. September, 11:00
hier ist der Link zu einem Gespräch mit dem Leiter des Instituts für deutsche Geschichte an der Universität Tel Aviv, Moshe Zuckermann, gefunden bei Telepolis:
"Der islamistische Fundamentalismus hat mit Faschismus nichts zu tun"
Gerhard Hanloser 24.08.2006
Ein Gespräch mit Moshe Zuckermann über die Situation im Nahen Osten, den islamischen Fundamentalismus, die israelische Politik und einen möglichen Einsatz deutscher Soldaten
Moshe Zuckermann wurde 1949 in Tel Aviv geboren. Mit seiner Familie kam er 1960 nach Deutschland und kehrte 1970 nach Israel zurück. Zuckermann Leiter des Instituts für Deutsche Geschichte an der Universität Tel Aviv. Seit langem setzt er sich für den Friedensprozess mit den Palästinensern ein und ist ein scharfer Kritiker der israelischen Politik. Veröffentlichungen u.a.: Israel – Deutschland – Israel. Reflexionen eines Heimatlosen (2006); Zweierlei Israel (2003); Gedenken und Kulturindustrie (1999); Zweierlei Holocaust (1998).
Es ist einfach zu benennen, wer der Verlierer des über einen Monat eskalierenden Libanonkrieges ist. Das sind zum einen große Teile der libanesischen Zivilbevölkerung, die teilweise vollständig ihr Hab und Gut verloren hat, es ist aber auch wegen des permanenten Raketenbeschusses durch die Hizbollah die israelische Bevölkerung im Norden des Landes. Wer könnte Gewinner dieses eskalierenden Konflikts sein, wer hatte überhaupt ein Interesse, diesen Konflikt vom Zaun zu brechen?
Moshe Zuckermann: Nun, wenn Sie das schon so formulieren, muss ich ergänzen, dass große Teile der Zivilbevölkerung Israels nicht nur wegen des Beschusses der Hizbollah Opfer sind, sondern auch weil sie als Geisel der israelischen Regierung und ihrer Gewaltpolitik fungierten.
Für mehr hier lang.
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Ja, ei, gugge, da war BigBerta mit dem Übersetzen einen Tag schneller als die TAZ. (Dank an Arne Hoffmann.)
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oder: Wrong War Wrong Word nennt die US-Autoin Katha Pollit ihren Beitrag in der online-Ausgabe von The Nation. Sein Thema ist:
Hast Du die Sprache, so hast Du die Debatte.
via: Hinter meinem Schreibtisch.
Jaja, mein Reden, deswegen ja auch meine Einträge zu den umgewidmeten Begriffen.
Hier der Beitrag:
Kontrollierst Du die Sprache, kontrollierst du die Debatte. Da die Nahostpolitik der Bush-Administration in einer immer blutigeren Zusammenhanglosigkeit versinkt, bekam der "Krieg gegen den Terror" eine lingusistische Auffrischung. Das wurde dann "der Krieg gegen den Islamofaschismus". Dieser Begriff kreist schon seit 1990, als die Historikerin und Autorin den Begriff "Islamofaschismus" im Londoner "Independent benutzte, um autoritäre Regierungen der islamischen Welt zu beschreiben. Nach dem 11. September schnappten ihn Neocons und bellizistische Bescheidwisser (prowar pundits) auf, einschließlich Stephen Schwartz im Spectator und Christopher Hitchens in diesem Magazin, um damit einen breiten Schwaden von Muslim bad guys zu beschreiben, angefangen von Osama bin Laden bis hin zu den Mullahs im Iran.
Der Begriff kam diesen August in den Mainstream, als Bush sich auf die kürzlich in Großbritannien vereitelten Selbstmordanschläge bezog, die er als "starke Mahnung. daß diese Nation sich im Krieg mit islamischen Faschisten befindet. Joe Lieberman vergleicht den Krieg im Irak mit "dem Spanischen Bürgerkrieg, der ein Vorbote war von dem, was noch kommen würde. Der Schwenk weg vom "Krieg" gegen den Terroer" kam für die Sprechpuristen, die Probleme hatten, gegen eine Taktik Krieg zu führen, keinen Moment zu früh. Und nicht zu reden von jenen, die fragten, wenn denn der Terrorismus das Problem, warum der Einmarsch in den Iran die Lösung sei. (Aus einer Pressekonferenz des Präsidenten am 21. August: Frage: "Aber was hat der Irak mit dem 11. September zu tun?" - antwort: "Nichts." Nun sagt er's.
Und was ist falsch mit "Islamo-Faschismus"? Für Anfänger: es ist eine schreckliche historische Analogie: Italienischer Faschismus, Deutscher Nationalsozialismus und andere europäische faschistische Bewegungen der zwanziger und dreißiger Jahre waren nationalistisch und säkular, fest verbunden mit dem internationalen Kapital und darauf gerichtet, machtvolle, allumfassende Staaten zu schaffen, die auf der Höhe ihrer Zeit waren. Einige ihrer Insignien mögen anti-modern gewesen sein, wie Mussolinis Rückschau auf das alte Rom und die Faszination der Nazis für nordische Mythologie und anderen Wagner-Quatsch - doch der grundlegende Impetus war modern, bürokratisch und rational. Man würde keinen faschistischen Führer finden, der die Bibel zu Rate zieht, um auszuknobeln, wie er das Bankensystem, die Frauenmode oder das Strafrecht organisiert. Sogar der faschistische Antisemistismus war "wissenschaftlich". Das "Problem" war die angebliche, angeblich genetisch bedingte Minderwertigkeit und Andersartigkeit der Juden, die unzählige Biologen, Anthropologen und Mediziner "beweisen" sollten - und nicht etwa, daß die Juden Christus ermordet hätten oder einem falschen Glauben anhingen. Nennt mich einen Pedanten, doch, wäre es nur aus dem Grunde, uns zu erinnern, daß die schlimmsten Barbareien der modernen Zeit von den modernsten Menschen begangen wurden, so wäre es mir wert, den Begriff "Faschismus" als Begriff mit einem speziellen historischen Gehalt zu bewahren.
Zweitens - und wichtiger: "Islamofaschismus" verschmilzt viele verschiedene und und ungleiche Staaten, Bewegungen und Organisationen miteinander, als ob sie, wie seinerzeit die Faschisten, alles das gleiche Ziel hätten und alle gemeinsam daran arbeiteten, es zu erreichen. Neocons nannten Saddam Hussein und die syrischen Baathisten "Islamofaschisten", doch diese relativ säkularen nationalistischen Tyrannen haben nichts gemeinsam mit der staatenlosen, fundamentalistischen Schattenmacht namens Al Qaida - wie mittlerweile sogar Bush zugibt - und die Taliban, die das Land ins siebte Jahrhundert zurückführen wollten, gleichen dem Iran nicht, der verschieden ist (und manchmal weniger repressiv) als Saudi-Arabien - uuups, unser großer Alliierter im Nahen Osten! Wer sind denn die "Islamo-Faschisten" in Saudi-Arabien - das gegenwärtige Regime oder seine religiös-fanatischen Gegner?
Es war die aktuell existierende Regierung, die von den USA unterstützt wurde, unter der Schülerinnen in ihre brennende Schule zurückgetrieben wurden und man ihnen verwehrte, unverschleiert den Flammen zu entkommen. Unter dieser Regierung werden Menschen ausgepeitscht und geköpft, dürfen Frauen nicht wählen und kein Fahrzeug führen und der Dress-Code wird von Staats wegen gewaltsam erzwungen. Der Wahhabismus, dieses "islamofaschistische" Bekenntnis wird um die Welt exportiert.
"Islamofaschismus" sieht aus wie ein analytischer Begriff, ist aber ein emotionaler, der uns dazu bringt, weniger zu denken und mehr zu fürchten. er präsentiert und die verwirrende Politik der muslimischen Welt als simples "wir" gegen "die", mit dem Krieg als letzendlich einziger Antwort, und mit Hitler.
Wenn Sie einen Zweifel daran haben, daß jeder britische Muslim unter dreissig bereit ist, sich für Allah in die Luft zu sprengen, oder daß das Zerreissen unserer Verfassung der Weg ist, uns vor Selbstmordbombern zu schützen, wenn Sie meinen, Hamas wäre weniger populär, wenn die Palästinenser nicht so arm dran wären, werden Sie auf Neville Chamberlain (und das Wort vom appeasement, BB) zurückgeworfen, während Bush FDRspielt, Franklin Delano Roosevelt, (den US-Präsidenten währen des "Zweiten Weltkrieges" BB). "Islamofaschismus" rettet die Neocons vor einer herben Verurteilung des Einmarsches in den Irak, der ja angeblich ("ein Kinderspiel...Rosen...Leckerchen...Chalabi") war, indem sie das heraufziehende Debakel zur Randnotiz einer wesentlich größeren Geschichte machten, nämlich der von den bösen Verrückten, die die Grüne Fahne des islam über den Hauptstädten des Westens hissen wollen.
Plötzlich ist es bloß ein Detail, daß Saddam mit dem 11. September nichts zu tun hatte, daß er keine Massenvernichtungswaffen hatte, daß er überhaupt nicht bereit war, die Vereinigten Staaten oder Israel anzugreifen - er hasste die Freiheit, und das reichte. Es macht auch nichts, daß die irakischen Sunniten und Schiiten offenbar weniger daran interessiert sind, sich gegenseitig umzubringen, als die Ummah zu einen. (Ummah, die islamische Gemeinschaft, Gegenbegriff zu "Nation". BB) Mit etwas Glück sind wir dann so verängstigt, daß wir die andere Seite nicht mehr anhören wollen, ist sie doch eindrucksvoll im Irrtum bezüglich der größten politisch-miltärischen Initiative der letzten 30 Jahre und ihre Kahlköpfe werden viele weitere Nächte auf unseren Fernsehschirmen leuchten. Auf nach Teheran.
Es bleibt abzuwarten, ob "Islamofaschismus" die linksliberalen Serurity Moms zurückgewinnen wird, die 2004 für Bush gestimmt haben, , seit kurzem aber im Lager der Demokraten sind. Wie ich zum Beispiel geschrieben habe, hat die New York Times eine Seite "offener Briefe" von der Al Kharafi Gruppe, einer gigantischen kuwaitischen Baufirma, veröffentlicht, die dazu schrieb:
Wir denken, hier liegt eine falsche Begriffsbestimmung vor - wer verdient es, 'Faschist' genannt zu werden?
"Islamofaschismus" macht ohne Sinn auch noch die zusammenschmelzende Gruppe von Muslimen wütend, die uns noch nicht hassen. Zur gleichen Zeit vernebelt es eine Menge von Situationen mit Ideologie: Libanon, Palästina, Sprengstoffattentate auf Flugzeuge und (U-)Bahnen, Afghanistan, Irak - wir müssen dringend klar sehen und diese Themen mit der nötigen Aufmerksamkeit behandeln.
Kein Wunder, daß die, die uns das Desaster im Irak eingebrockt haben, auf den Begriff so stolz sind.
Lysis bringt weiteres Material und die Diskussion ist dort schon weiter, für meinen Geschmack jedoch etwas zu sehr auf den europäischen Kontext fixiert.
Auch ganz interessant:
Geschichte der Religionspolizei
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Islamo-Faschismus oder “Wer Faschist ist bestimmen wir”
Feb 23rd, 2007 by Spiegelfechter
Eine Gesellschaft, die vom Erdöl abhängig ist wie der Junkie von seiner täglichen Dosis, handelt auch ähnlich triebgesteuert. Der Fokus des Interesses ist es den nötigen Stoff zu bekommen. Gesellschaftlich ist dies indes nicht anerkannt – wird der Konsum als solcher als Krankheit gesehen, der man mit Ersatzdrogen (Methadon, Atomkraft) beikommen will, so ist die Beschaffungskriminalität der Kern des Problems, der die meisten negativen Folgen mit sich bringt.
Öl - der Saft nach dem die Welt giert
Die Begehrlichkeiten der Mächtigen im Weißen Haus sind vor allem auf eine Region konzentriert, den Nahen Osten. Hier sind die umfangreichsten Lagerstätten, die auch für die Zukunft prächtigen Nachschub versprechen. Die „gesicherten“ Erdölquellen der USA reichen alleine nicht mehr aus, die SUVs zu speisen und die Reserven verheißen alarmierendes: „Peak-Oil, das Ölzeitalter (so werden es künftige Historiker wohl bezeichnen) neigt sich dem Ende zu“. Peak-Oil hat die letzte Runde des Verteilungskampfes eingeläutet, in der neben den USA auch aufstrebende ölfressende Riesen, wie Indien und China und wiedererstarkte Energiezaren (1) beteiligen. In den Kammern der bellizistischen Beraterinstitute steht die Uhr auf 5 vor 12.
Hier geht es weiter mit dem Artikel, dessen Lektüre ich wärmstens empfehle.
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update vom 2. September, 11:00
hier ist der Link zu einem Gespräch mit dem Leiter des Instituts für deutsche Geschichte an der Universität Tel Aviv, Moshe Zuckermann, gefunden bei Telepolis:
"Der islamistische Fundamentalismus hat mit Faschismus nichts zu tun"
Gerhard Hanloser 24.08.2006
Ein Gespräch mit Moshe Zuckermann über die Situation im Nahen Osten, den islamischen Fundamentalismus, die israelische Politik und einen möglichen Einsatz deutscher Soldaten
Moshe Zuckermann wurde 1949 in Tel Aviv geboren. Mit seiner Familie kam er 1960 nach Deutschland und kehrte 1970 nach Israel zurück. Zuckermann Leiter des Instituts für Deutsche Geschichte an der Universität Tel Aviv. Seit langem setzt er sich für den Friedensprozess mit den Palästinensern ein und ist ein scharfer Kritiker der israelischen Politik. Veröffentlichungen u.a.: Israel – Deutschland – Israel. Reflexionen eines Heimatlosen (2006); Zweierlei Israel (2003); Gedenken und Kulturindustrie (1999); Zweierlei Holocaust (1998).
Es ist einfach zu benennen, wer der Verlierer des über einen Monat eskalierenden Libanonkrieges ist. Das sind zum einen große Teile der libanesischen Zivilbevölkerung, die teilweise vollständig ihr Hab und Gut verloren hat, es ist aber auch wegen des permanenten Raketenbeschusses durch die Hizbollah die israelische Bevölkerung im Norden des Landes. Wer könnte Gewinner dieses eskalierenden Konflikts sein, wer hatte überhaupt ein Interesse, diesen Konflikt vom Zaun zu brechen?
Moshe Zuckermann: Nun, wenn Sie das schon so formulieren, muss ich ergänzen, dass große Teile der Zivilbevölkerung Israels nicht nur wegen des Beschusses der Hizbollah Opfer sind, sondern auch weil sie als Geisel der israelischen Regierung und ihrer Gewaltpolitik fungierten.
Für mehr hier lang.
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Ja, ei, gugge, da war BigBerta mit dem Übersetzen einen Tag schneller als die TAZ. (Dank an Arne Hoffmann.)
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oder: Wrong War Wrong Word nennt die US-Autoin Katha Pollit ihren Beitrag in der online-Ausgabe von The Nation. Sein Thema ist:
Hast Du die Sprache, so hast Du die Debatte.
via: Hinter meinem Schreibtisch.
Jaja, mein Reden, deswegen ja auch meine Einträge zu den umgewidmeten Begriffen.
Hier der Beitrag:
Kontrollierst Du die Sprache, kontrollierst du die Debatte. Da die Nahostpolitik der Bush-Administration in einer immer blutigeren Zusammenhanglosigkeit versinkt, bekam der "Krieg gegen den Terror" eine lingusistische Auffrischung. Das wurde dann "der Krieg gegen den Islamofaschismus". Dieser Begriff kreist schon seit 1990, als die Historikerin und Autorin den Begriff "Islamofaschismus" im Londoner "Independent benutzte, um autoritäre Regierungen der islamischen Welt zu beschreiben. Nach dem 11. September schnappten ihn Neocons und bellizistische Bescheidwisser (prowar pundits) auf, einschließlich Stephen Schwartz im Spectator und Christopher Hitchens in diesem Magazin, um damit einen breiten Schwaden von Muslim bad guys zu beschreiben, angefangen von Osama bin Laden bis hin zu den Mullahs im Iran.
Der Begriff kam diesen August in den Mainstream, als Bush sich auf die kürzlich in Großbritannien vereitelten Selbstmordanschläge bezog, die er als "starke Mahnung. daß diese Nation sich im Krieg mit islamischen Faschisten befindet. Joe Lieberman vergleicht den Krieg im Irak mit "dem Spanischen Bürgerkrieg, der ein Vorbote war von dem, was noch kommen würde. Der Schwenk weg vom "Krieg" gegen den Terroer" kam für die Sprechpuristen, die Probleme hatten, gegen eine Taktik Krieg zu führen, keinen Moment zu früh. Und nicht zu reden von jenen, die fragten, wenn denn der Terrorismus das Problem, warum der Einmarsch in den Iran die Lösung sei. (Aus einer Pressekonferenz des Präsidenten am 21. August: Frage: "Aber was hat der Irak mit dem 11. September zu tun?" - antwort: "Nichts." Nun sagt er's.
Und was ist falsch mit "Islamo-Faschismus"? Für Anfänger: es ist eine schreckliche historische Analogie: Italienischer Faschismus, Deutscher Nationalsozialismus und andere europäische faschistische Bewegungen der zwanziger und dreißiger Jahre waren nationalistisch und säkular, fest verbunden mit dem internationalen Kapital und darauf gerichtet, machtvolle, allumfassende Staaten zu schaffen, die auf der Höhe ihrer Zeit waren. Einige ihrer Insignien mögen anti-modern gewesen sein, wie Mussolinis Rückschau auf das alte Rom und die Faszination der Nazis für nordische Mythologie und anderen Wagner-Quatsch - doch der grundlegende Impetus war modern, bürokratisch und rational. Man würde keinen faschistischen Führer finden, der die Bibel zu Rate zieht, um auszuknobeln, wie er das Bankensystem, die Frauenmode oder das Strafrecht organisiert. Sogar der faschistische Antisemistismus war "wissenschaftlich". Das "Problem" war die angebliche, angeblich genetisch bedingte Minderwertigkeit und Andersartigkeit der Juden, die unzählige Biologen, Anthropologen und Mediziner "beweisen" sollten - und nicht etwa, daß die Juden Christus ermordet hätten oder einem falschen Glauben anhingen. Nennt mich einen Pedanten, doch, wäre es nur aus dem Grunde, uns zu erinnern, daß die schlimmsten Barbareien der modernen Zeit von den modernsten Menschen begangen wurden, so wäre es mir wert, den Begriff "Faschismus" als Begriff mit einem speziellen historischen Gehalt zu bewahren.
Zweitens - und wichtiger: "Islamofaschismus" verschmilzt viele verschiedene und und ungleiche Staaten, Bewegungen und Organisationen miteinander, als ob sie, wie seinerzeit die Faschisten, alles das gleiche Ziel hätten und alle gemeinsam daran arbeiteten, es zu erreichen. Neocons nannten Saddam Hussein und die syrischen Baathisten "Islamofaschisten", doch diese relativ säkularen nationalistischen Tyrannen haben nichts gemeinsam mit der staatenlosen, fundamentalistischen Schattenmacht namens Al Qaida - wie mittlerweile sogar Bush zugibt - und die Taliban, die das Land ins siebte Jahrhundert zurückführen wollten, gleichen dem Iran nicht, der verschieden ist (und manchmal weniger repressiv) als Saudi-Arabien - uuups, unser großer Alliierter im Nahen Osten! Wer sind denn die "Islamo-Faschisten" in Saudi-Arabien - das gegenwärtige Regime oder seine religiös-fanatischen Gegner?
Es war die aktuell existierende Regierung, die von den USA unterstützt wurde, unter der Schülerinnen in ihre brennende Schule zurückgetrieben wurden und man ihnen verwehrte, unverschleiert den Flammen zu entkommen. Unter dieser Regierung werden Menschen ausgepeitscht und geköpft, dürfen Frauen nicht wählen und kein Fahrzeug führen und der Dress-Code wird von Staats wegen gewaltsam erzwungen. Der Wahhabismus, dieses "islamofaschistische" Bekenntnis wird um die Welt exportiert.
"Islamofaschismus" sieht aus wie ein analytischer Begriff, ist aber ein emotionaler, der uns dazu bringt, weniger zu denken und mehr zu fürchten. er präsentiert und die verwirrende Politik der muslimischen Welt als simples "wir" gegen "die", mit dem Krieg als letzendlich einziger Antwort, und mit Hitler.
Wenn Sie einen Zweifel daran haben, daß jeder britische Muslim unter dreissig bereit ist, sich für Allah in die Luft zu sprengen, oder daß das Zerreissen unserer Verfassung der Weg ist, uns vor Selbstmordbombern zu schützen, wenn Sie meinen, Hamas wäre weniger populär, wenn die Palästinenser nicht so arm dran wären, werden Sie auf Neville Chamberlain (und das Wort vom appeasement, BB) zurückgeworfen, während Bush FDRspielt, Franklin Delano Roosevelt, (den US-Präsidenten währen des "Zweiten Weltkrieges" BB). "Islamofaschismus" rettet die Neocons vor einer herben Verurteilung des Einmarsches in den Irak, der ja angeblich ("ein Kinderspiel...Rosen...Leckerchen...Chalabi") war, indem sie das heraufziehende Debakel zur Randnotiz einer wesentlich größeren Geschichte machten, nämlich der von den bösen Verrückten, die die Grüne Fahne des islam über den Hauptstädten des Westens hissen wollen.
Plötzlich ist es bloß ein Detail, daß Saddam mit dem 11. September nichts zu tun hatte, daß er keine Massenvernichtungswaffen hatte, daß er überhaupt nicht bereit war, die Vereinigten Staaten oder Israel anzugreifen - er hasste die Freiheit, und das reichte. Es macht auch nichts, daß die irakischen Sunniten und Schiiten offenbar weniger daran interessiert sind, sich gegenseitig umzubringen, als die Ummah zu einen. (Ummah, die islamische Gemeinschaft, Gegenbegriff zu "Nation". BB) Mit etwas Glück sind wir dann so verängstigt, daß wir die andere Seite nicht mehr anhören wollen, ist sie doch eindrucksvoll im Irrtum bezüglich der größten politisch-miltärischen Initiative der letzten 30 Jahre und ihre Kahlköpfe werden viele weitere Nächte auf unseren Fernsehschirmen leuchten. Auf nach Teheran.
Es bleibt abzuwarten, ob "Islamofaschismus" die linksliberalen Serurity Moms zurückgewinnen wird, die 2004 für Bush gestimmt haben, , seit kurzem aber im Lager der Demokraten sind. Wie ich zum Beispiel geschrieben habe, hat die New York Times eine Seite "offener Briefe" von der Al Kharafi Gruppe, einer gigantischen kuwaitischen Baufirma, veröffentlicht, die dazu schrieb:
Wir denken, hier liegt eine falsche Begriffsbestimmung vor - wer verdient es, 'Faschist' genannt zu werden?
"Islamofaschismus" macht ohne Sinn auch noch die zusammenschmelzende Gruppe von Muslimen wütend, die uns noch nicht hassen. Zur gleichen Zeit vernebelt es eine Menge von Situationen mit Ideologie: Libanon, Palästina, Sprengstoffattentate auf Flugzeuge und (U-)Bahnen, Afghanistan, Irak - wir müssen dringend klar sehen und diese Themen mit der nötigen Aufmerksamkeit behandeln.
Kein Wunder, daß die, die uns das Desaster im Irak eingebrockt haben, auf den Begriff so stolz sind.
Lysis bringt weiteres Material und die Diskussion ist dort schon weiter, für meinen Geschmack jedoch etwas zu sehr auf den europäischen Kontext fixiert.
Auch ganz interessant:
Geschichte der Religionspolizei
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bigberta - 1. Mai, 02:00




























Begriffe wie
Es ist interessant zu beobachten, wie in unseren Medien bestimmte Attribute eingesetzt werden - andere wiederum nicht (mehr) genannt werden. Man muss allerdings aufpassen, das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten: Massenmedien wie Radio, Fernsehen (aber auch Zeitungen) bedienen sich häufig eingängiger Bilder (auch Sprachbilder), die bestimmte Assoziationen bedienen sollen. Da muss nicht prinzipiell "böser Wille" dabei sein - manche Redakteure stehen unter immensem Druck. Um sich gemäss der Puristen auszudrücken, also immer alles exakt abzuwägen, fehlt Zeit und auch - natürlich - Bereitschaft.
Ich trenne daher auch die Behandlung kontroverser Themen aus Weblogs oder Internetforen und in den "nromalen" Massenmedien. Das Internet hat für mich keinerlei repräsentativen Charakter. Meine Erfahrung mit Foren (und auch Weblogs) ist, dass man (Ausnahmen gibt es) fast immer die Plattform wählt, in der man sich "aufgehoben" fühlt. Das bedeutet, dass man nicht bei jedem Blogeintrag oder Kommentar erst seitenlange Statements zu Demokratie, Menschenrechten und Religionsfreiheit abgeben muss, ohne die man a priori als "Unperson" gilt.
Umgekehrt werden beispielsweise islamophobe Menschen immer die Nähe ihrer Gesinnungsgenossen suchen und sich nur unter bestimmten Voraussetzungen auf fremdes Terrain begeben.
So entstehen gerade im Internet Paralleluniversen, die, wenn sie aufeinanderstossen, nicht selten in "Blogwars" (o. ä.) eskalieren.
In der "offiziellen Öffentlichkeit" werden Begriffe wie "Islamofaschismus" allenfalls vermeldet, jedoch kaum kommentiert. Letztlich ist das richtig, da es reine Zeitverschwendung wäre. Unterschwellig wird natürlich immer eine Position eingenommen, die unserer Sicht entspricht - da kann man noch so auf Objektivität achten. Wenn mal erst einmal weiss, warum welche Begriffe in die Welt gesetzt werden, ist man schon einen Schritt weiter.
Islam = böse, der Mufti ist Darth Vader und Turban=Wehrmachtshelm
Allerdings ist es nicht mehr wertfrei, daß man in den klassischen Medien bestimmte Regeln befolgt werden müssen, die so mancher meint, in der blogosphäre nicht einhalten zu müssen - konnte man ja schon bei so gewissen Einträgem bei mir/über mich verfolgen, die schlicht und ergreifend strafrechtsrelevant sind. - Könntest Du Dir ein klassisches Medium vorstellen, in dem zur Untermauerung snuff-Pornos üblich wären?
...bedienen sich häufig eingängiger Bilder... Das hängt einfach mit bestimmten neurologischen Strukturen zusammen. Es gibt Hirnbahnen, die zur Abwehr bestimmter Gefahren darauf geeicht sind, unvollständige Bilder in einer bestimmten, einmal erlernten Art und Weise zu vervollständigen, und das macht sich die Werbebranche zunutze: Du kennst doch vielleicht die Pop-Art-Bilderfolge, in der der Schriftzug von Coca-Cola zu "Cocaine" verfremdet ist? (Ein Königreich für den link...). Das hilft dann beim Masse-statt-Klasse-Bloggen, nach dem Motto: Dosenkohl hat es auch schon gepostet. Die Figur "Darth Vater" bedient sich dieses Mechanismus ebenfalls: er trägt einen wehrmachtsähnlichen Helm, der von der Form her strenggenommen ein Helm aus dem 1. Weltkrieg ist, aber erkennbarer, womit man schon die Assoziation anknipst: Wehmacht = böse. womit ich bei mir jetzt die Versuchung verspüre, diesen Beitrag mit einem Darth Vader-Bild zu illustrieren...
Und vieles ist dann auch so eingängig, weil's eigentlich eine Wanderlegende ist, was allerdings die klassischen Medien nun nicht von den Bloggern trennt: ich las irgendwann vor '98 mal im "Stern", daß der junge Helmut Kohl nach dem Krieg mit einigen andern "Bubb'n" in Oggersheim König und Ritter gespielt hätte. Jung-Helmut hätte als König einen Kaffeewärmer auf dem Kopf und eine Wehrmachtsdecke als Königsmantel getragen, und der Stern verortete hier den Beginn des Systems Kohl. Die Geschichte ist jedoch schon mindestens so alt wie das Nibelungenlied: es ist "Die Erzählung von Edige", ein mongolisches Heldenepos.
Aber noch mal zum Begriff: Islamofaschismus: ich denke, Bush weiß genau, daß es keine religös-islamsichen Bewegungen gibt, die man im Faschismus verorten könnte. Die einzige arabische politsche Bewegung, die man im Faschismus verorten könnte, war die Baath-Partei - deren Spiritus Rector jedoch ein Christ war, Michel Aflaq. Und der, wenn es um die Gleichung Islam=Faschismus geht, immer wieder exhumierte Arafat-Onkel, der Mufti von Jerusalem, Amin al-Husseini, war zwar offensichtlich ein Verfechter der "Endlösung" (was für mich allerdings auch nicht zweifelsfrei geklärt ist, da die Engländer ihn dann doch nicht mehr vor Gericht stellten), aber ebenfalls kein "Faschist", weil rückwärtsgewandt. Und somit wird das "Islamofaschist" dann auf die simple Aussage reduziert: Islam=Böse, Turban=Darth-Vader-Helm.
Teststrecke
Was vielen Leuten heutzutage in den reizüberfluteten Medien abgeht, ist ein genaues Hinhören, Hinschauen, Lesen. Das geht selbst mir manchmal so. Da hat man tatsächlich ein wichtiges Wort überlesen oder in der Eile etwas falsch verstanden. Da man aber angeleitet wird, möglichst viel zu konsumieren - also auch möglichst viele Nachrichten, neigen Journalisten dazu, schwierige Sachverhalte zu simplifizieren. Ich weiss, das sollten sie nicht tun - ihre eigentliche Aufgabe wäre, das genaue Gegenteil - aber ich glaube dieser Zug ist (vorerst) abgefahren.
Ein Trost liegt darin, dass diese Berichterstattung mitnichten auf Islam / Terrorismus angewandt wird. Auch innenpolitische Themen unterliegen der Infantilisierung; jede Christiansen-Sendung treibt es darin auf die Spitze. Selten wie fast nie wird dort explizit eine detaillierte Auseinandersetzung (mit einem Teilaspekt eines Vorgangs) von der Mdoeratorin ausdrücklich verhindert - zur Not, um in Personalisierungen oder Hysterierungen zu flüchten.
Leider weiss ich nicht, ob Bush das Wort des Islamofaschismus wissend eingesetzt hat. Vermutlich wurde es ihm ein Redenschreiber nach stundenlanger Diskussion mit -zig Beratern reingesetzt. Der Begriff soll doppelt abschrecken: Einerseits ist alles, was mit "islam..." nur irgendwie beginnt, derzeit negativ konnotiert. Und das wird mit dem Zusatz "...faschismus" gekoppelt und gedoppelt! Wobei - streng genommen - das F-Wort fast immer von Linken verwendet wird. Insofern ist die Koppelung dieser beiden "bösen" Attribute für amerikanische Verhältnisse ziemlich neu. Denn früher, als man sehr viel mehr Grund dafür hatte, hat man faschistoide Systeme niemals als solche bezeichnet, sondern sie als Verbündete als Bollwerk gegen den Kommunismus gepeppelt.
Und so manche Islamo....gleich mit.
Israel übrigens auch: Hamas.