update: bei Beirut Live hat ein israelischer User gebeten, diesen link weiterzuverbreiten:
Haaretz: Nach dem Krieg um fünf. Ich halte das für einen Beitrag, der hier hin passt, auch wenn er JG nicht direkt thematisiert, zumal die dort verlinkten Artikel auch ganz vielversprechend zu sein scheinen.
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Daß es jetzt wieder
"Norwegen" ist, ist reiner Zufall. Nehmt den Ländernamen metaphorisch, wie das
"Andorra" des Max Frisch. Aber das neueste zum Thema "Antisemitismus" kommt jetzt wieder aus Norwegen:
Jostein Gaarder entzieht Israel seine Anerkennung. Aus dem hier verlinkten blog entnehme ich die Kurzfassung, schlage aber vor, das komplette Posting dort zu lesen:
Zunächst: Natürlich verneigt sich Gaarder vor den Opfern der Verbrechen des Holocaust und der Judenverfolgung, und trotz seiner Radikalität durchsetzt Gaarder seinen Text mit den selbstverständlichen Verurteilungen von Terrorangriffen auf Zivilisten (durch Hisbollah), aber - fügt im gleichen Satz israelischen Staats-Terror hinzu. Er verurteilt die Entführung von Soldaten durch Hisbollah und Hamas, aber - er stellt ihr sofort die Entführung palästinensischer Abgeordneter und Minister gegenüber.
Vor allem jedoch: Er anerkennt das völkerrechtlich bestätigte Israel von 1948, aber - nicht das, was seitdem (aus seiner Sicht) daraus geworden ist, das Israel der Annexionen, das Israel, das der UN-Resolutionen und der Beschlüsse des Internationalen Gerichtshofs spottet, und das deshalb auch nicht hinter UN-Resolutionen Schutz zu suchen hätte. Er identifiziert den Staat Israel mit jenem radikalen religiös oder rassistisch fundierten Zionismus, der als rechter Mainstream die Regierung stellt, den Ausbau von Siedlungen vorantreibt und erbarmungslos Krieg führt. Diese Identifikation ist vermutlich die problematischste im Text. Ist es legitim, die radikalen religiösen und rassistischen Bevölkerungsteile Israels mit Israel zu identifizieren? Ist es illegitim, wenn doch diese Bevölkerungsteile die Politik des Staates Israel wesentlich zu bestimmen scheinen? Oder legitimieren gerade die jüdische und israelische Geschichte einen militanten Zionismus, der zur ethnischen und politischen Neuordnung des Nahen Ostens um der Existenz des jüdischen Staates willen gezwungen ist?
Über solche Texte kann man nichts schreiben, und sich dabei selber außen vor lassen. Wie "stehe ich also zu Israel?" Nun, eigene Erfahrungen fangen in der Familie an. Was habe ich vorzuweisen, kann ich zu meiner Entlastung vorbringen, hat sich doch so manche/R in Kleinbloggersdorf schon darauf festgelegt, ich sei eine Antisemitin, schon quasi per muslimischem Bekenntnis, qua Forderung, die libanesische
Hezbollah differenziert zu sehen.
Es ermangelt mir am notorischen "Friends-of-Israel-Button, es ermangelt mir an der Bereitschaft, das Titelbild des Stern von letzter Woche
ohne Betrachtung sämtlicher zum Thema gehörigen Artikel
als antisemitisch zu brandmarken.
Und jetzt der Text von Jostein Gaarder...
Dazu muß ich zunächst bemerken, daß mein Verhältnis zu Israel aus wenigen schlichten Punkten speist:
- Meine Familie stand fast ausnahmslos dem katholischen Zentrum nahe, der Partei Konrad Adenauers. Was das bedeutete, kann man in der Biographie Adenauers, jene Jahre betreffend, nachlesen.
- Meine Verwandten in den Niederlanden engagierten sich gegen die Judenverfolgung - vor dem 8. Mai 1945.
- Mein Vater wandte sich aus Liebe zu einem "slawischen Untermenschen" gegen den Rassenwahn. Als Oberfeldwebel der Wehrmacht, ebenfalls vor dem 8. Mai 1945.
Was mich persönlich betrifft: mein Israel-Bild wurde geprägt von
- Den jüdischen Freunden meiner Familie,
- von jüdischen Klassenkameradinnen und Kommilitonen,
- von dem Wort von Henryk Broder, daß für Juden der Staat Israel ein Ort sei, an den sie vor Verfolgung flüchten könnten, wenn sie denn wollten - ob jeder einzelne von ihnen wolle, sei dem gegenüber zweitrangig,
- von der Bemerkung des Sohnes zweier Schindler-Juden, Dr. jur Michel Friedman auf die Frage, warum er vor dem Jura-Studium zunächst Medizin studiert habe: auf Wunsch seines Vaters, denn "die Ärzte bringen sie als letzte um..." Der Plauderton, in dem Friedman das im Interview kundtat, ließ nur erahnen, wieviel Leid dahintersteckt/e, zu so einer Erkenntnis zu kommen. und wieviel Leid auch Michel Friedman wohl noch tragen musste.
Ich fühlte mich und fühle mich noch verbunden den Beiträgen von Juden nicht nur zu Deutschlands Kultur und Geistesgeschichte, ich habe mich beeindrucken lassen durch
Maimonides und die Bibelübersetzung von Buber und Rosenzweig (link zu amazon hinter dem Bild):
Mich hat das neue Zentrum Judaicum bewegt und die Stimme von Oberkantor Estrongo Nachama (auf das Bild klicken).
Der Staat Israel und die Soldarität zu ihm waren für mich immer genauso selbstverständlich, gehört doch die besondere Verantwortung gegenüber Israel zu den Gründungsgewissheiten unserer Demokratie.
Und was Herr Schoeps hier behauptet, ist aus meiner Sicht schlicht nicht wahr. Mit zweierlei Maß wird aus meiner Sicht zu Ungunsten der Palästinenser und Libanesen gemessen. Und zweierlei Maß empfinde ich als Muslimin immer dann, wenn zwar klar ist, wie auch einer der Kommentatoren auf dem "Kulturtechnik-"Blog anführt, daß man die Juden als Religionsgemeinschaft und auch jeden einzelnen Juden nicht für die Politik Israels zur Rechenschaft ziehen kann, es aber als selbstverständlich gilt, daß sich Muslime gleich zu rechtfertigen haben für alle Mißstände der islamischen Welt.
Jetzt fängt es für mich allerdings an schwierig zu werden: seit einiger Zeit wabert, zusammen mit Anti-islamischen Tendenzen eine schmierige Israel-Huberei durchs Netz, vor der mich graust. Die wehenden Israel-Flaggen, die Friends-of-Israel-Buttons, die Behauptung, Israel sei jetzt aktuell besonders gefährdet, was jeden gleich schon wieder als Antisemiten denunziert, der hier dazu mahnt, sich das Gebrüll eines Ahmadinedjad mal aus der Nähe und in Ruhe anzusehen. Gibt es doch in Teheran 17 Synagogen, und - ich habe es schon mal hier gepostet - auch der Warschauer Pakt wollte zum letzten Mal den Westen im Jahr 1987 überrennen - die Reste der Vorbereitungen sind noch heute im Militärhistorischen Museum in Dresden zu besichtigen. Auch dies wurde bereits als Antisemitismus denunziert. - Die Frage erhebt sich, warum, und da hinein platzt Gaarders Text. Das, was auf
Kulturtechnik dazu gesagt wurde, umfasst schon das Wesentliche, doch aus meiner Sicht bleibt noch eine Frag übrig: warum werden solche Texte diskutiert, und nicht die Texte der israelische Friedensbewegung?
Warum phantasiert die eine und die andere Seite denn monolithische Blöcke? Wer braucht das? Wer braucht das für das eigene Ego? Sprechen wir hier überhaupt über das reale Israel?
Daß Israel viel differenzierter ist, sieht man auch hier:
israel_at_odds_with_itself (pdf, 700 KB)
In diesem Bericht beschreibt der US-Nachrichtendienst "Stratfor", daß es mittlerweile in der israelischen Regierung zwei Richtungen bezüglich der Annahme der aktuellen UN-Resolution, insbesondere in Hinblick auf die Einsatzbefehle der Armee, zwei Richtungen gibt, die sich sogar in der Öffentlichkeit befehden: die eine sage, man könne die Hisbollah nicht besiegen, ohne hohe Verluste zu riskieren und einen Partisanenkampf heraufzubeschwören, die andere sage, einen Waffenstillstand zu akzeptieren, ohne die Hezbollah zu entwaffnen, hieße ein noch höheres Risiko einzugehen.
Das sind die unterschiedlichen Richtungen der israelischen Regierung, aber was im Himmelswillen treibt die Armchair-Strategen hier im sicheren Europa dazu, den Kampf bis zum letzten Israeli aufzunehmen? Wie war auch auf meinen Seiten zu lesen? So sinngemäß: die IDF macht das schon, die kann das sowieso am Besten?
Warum diskutiert niemand einen der Texte von Uri Avnery? (auf das
Bild klicken)
Warum diskutiert niemand zum Beispiel diesen Text:
Wenn dieser Wahnsinn endlich zu Ende ist,
werden wir gemeinsam kämpfen – Israelis und Palästinenser, Syrer und Libanesen, jüdische und arabische Bürger Israels,
um gemeinsam ein normales Leben zu führen,
jeder in seinem freien Staat, Seite an Seite in FRIEDEN !
Rede von Uri Avnery, Demonstration 5.8.06 in Tel Aviv
Die schwarze Flagge der Illegalität weht über diesem Krieg.
Die schwarze Fahne der Trauer schwebt über uns allen.
Man sagt, wir wären eine Randgruppe, Außenseiter,
Und ich sage: ja wir sind Außenseiter, wie sind die Wenigen, die der kriegsdurstigen Mehrheit gegenüber stehen. Aber im nächsten Monat oder nächstes Jahr
wird jeder von uns stolz erklären: ich war hier.
Ich rief mit dazu auf, diesen verfluchten Krieg zu beenden.
Und Tausende, die uns jetzt verfluchen, werden im nächsten Monat oder nächstes Jahr dann behaupten, sie seien auch hier gewesen,
auch sie seien gegen diesen wahnsinnigen Krieg gewesen.
Hier stehe ich und im Namen der Demonstranten sage ich zu Ehud Olmert (Ministerpräsident des Staates Israel): Höre mit diesem Wahnsinn auf!
Der Krieg ist dir zu Kopf gestiegen! Du bist berauscht und vergiftet davon!
Ein Kriegs-Junky! Ein Krieg, aus dem nichts Gutes entstehen kann,
Hör mit ihm auf, bevor es zu spät ist!
Im Namen der Demonstranten sage ich zu Amir Peretz
(Verteidigungsminister des Staates Israel):
Viele, die hier stehen, haben dich gewählt.
Du hast sie belogen! Du hast sie betrogen!
Du gabst vor, ein Sozialreformer zu sein; du hast versprochen,
mehr Geld für Bildung und Wohlfahrt anstelle für die Armee auszugeben.
Jetzt bist du zuständig für Tod und Zerstörung.
Du bist zum Monster geworden. Hör auf, bevor es zu spät ist!
Im Namen der Demonstranten stehe ich hier und sage zu Hassan Nasrallah
(Chef der Hisbollah im Libanon):
Du hast eine gefährliche Provokation durchgeführt,
den Kriegstreibern hast du einen Vorwand geliefert;
du hast ihr Spiel gespielt. Lass uns jetzt aufhören!
Lass uns anfangen, zu verhandeln – Israel, Libanon und Syrien –
Gefangene austauschen,
Lasst uns aufhören, Bomben und Raketen abzufeuern.
Im Namen der Demonstranten stehe ich hier
und sage zu unseren palästinensischen Partnern:
Wir haben Euch nicht vergessen!!!
Wir wissen von den Abscheulichkeiten,
die jeden Tag in Gaza geschehen und in den anderen besetzten Gebieten.
Wir müssen zusammenarbeiten, um diesen Krieg zu beenden,
Gefangene auszutauschen, um Frieden zwischen unseren beiden Völkern zu stiften.
Im Namen der Demonstranten stehe ich hier und sage dem libanesischen Volk:
Als Israeli schäme ich mich zutiefst, für all das, was wir Euch antun,
für all die Verwüstung, die wir Euch antun, schäme ich mich abgrundtief.
Wenn dieser Wahnsinn endlich zu Ende ist,
werden wir gemeinsam kämpfen – Israelis und Palästinenser, Syrer und Libanesen, jüdische und arabische Bürger Israels,
um gemeinsam ein normales Leben zu führen,
jeder in seinem freien Staat, Seite an Seite in FRIEDEN !
oder diesen:
80 Thesen für ein neues Friedenslager.
Kann es sein, daß solche Texte wie der von Jostein Gaarder mehr mit uns als mit der realen Situation zu tun hat? Das Existenrecht Israels muß Israel sich genauso wenig verdienen, wie ein Einzelner sein Lebensrecht. Beides ist nicht und von niemand verhandelbar, es ist Axiom. Wer versucht, es zu verhandeln, überschreitet eine Grenze, die nicht überschritten werden sollte.
Und das tut Jostein Gardner, das tun die hysterischen "Friends of Israel" gleichermaßen, denn sie machen dieses Existenzrecht zur Projektionsfläche ihrer eigenen Bedürftigkeiten.
Daß
Ralph Giordano da Angst und Bange wird, kann ich verstehen. Allerdings führt für mich ein gerader Wege von den Mohammed-Karikaturen hierhin: anything goes - oder doch nicht?